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Gallery Weekend und Buchmesse : Was ist eigentlich noch ein Event?

Eine Erkenntnis aus dieser Woche: Eine Messe lässt sich beliebig bestätigen oder absagen. Hauptsache, sie findet statt. Nur weiß keiner, wovon die Kulturschaffenden leben sollen.

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          Offiziell eröffnete das Berliner Gallery Weekend erst am Freitag, doch wer aussieht wie jemand, der weiß, was er tut, konnte, alter Trick, auch schon am Mittwoch einfach in die Galerien hineinspazieren und sich durch die Ausstellungen führen lassen. Und wer solches um den Mittag herum etwa in Charlottenburg tat, der konnte auf dem Weg von der einen Geschmacksverfeinerungseinrichtung zur anderen bei der Überquerung des Kurfürstendamms unvermittelt in die große Lastwagendemo der Veranstaltungswirtschaft geraten. Das war dann ein herrlicher Kontrast, wie da mit magenerschütterndem Gehupe und Gedröhne chromglänzend die Infrastruktur der Kultur vorüberfuhr: mit Lautsprecherkabeln gefesselte Schaufensterpuppen auf Lastwagenanhängern, Traktoren mit Zirkusfamilien, die Hochseiltruppe Geschwister Weisheit und die „DiNo-Diskothek“. Am Tag, an dem die Frankfurter Buchmesse bekanntgeben musste, dass sie zwar stattfinden würde, nur eben ohne Buchmesse, machten all die stillgelegten Schausteller, Technikverleiher und Messebauer, die in den ersten Wochen des Lockdowns noch die Corona-Fernsehreportagen beherrscht hatten, aus ganz Deutschland rüber zum Brandenburger Tor, um „Alarmstufe Rot“ auszurufen.

          Wobei das Irritierende, Geisterhafte an diesem Aufzug darin lag, dass in und auf diesen Fahrzeugen Menschen saßen, deren Überleben davon abhängt, ein Publikum zu haben. Sie fuhren durch ganz Deutschland um lauthals ihr Publikum einzufordern, aber wie sie da so posaunten und wummerten, während zwei Meter daneben das Schlenderleben des Kurfürstendamms einfach weiterging wie sonst, da war es, als seien sie schon lang in eine andere Welt gefahren, dazu verdammt, auf ewig geradeaus zu fahren, Benzin zu verbrennen und ihr Publikum zu suchen.

          Wovon sollen wir leben?

          Hier zog er also vorüber, der kulturelle Unterbau, und belegte mit lange nicht erlebter physischer Wucht, dass sich in Deutschland, ja auf der ganzen Welt, in den vergangenen Monaten eine gewaltige Entkopplung vollzogen hatte: nämlich von Zeichen und Träger. Da konnte Buchmessen-Chef Juergen Boos die Journalisten beruhigen, dass die teuren Standarchitekturen ja noch gar nicht bestellt waren, die Verluste für die Verlage also überschaubar, und in all dem Optimismus der Verzweiflung, in dem die Buchmesse ihre Apotheose in digitale Angebote bekanntgab, es den Kunstmessen gleichtuend, die weiterhin ihr Programm aus Atelierbesuchen und Künstlergesprächen herumschicken, nur eben alles online, mussten sich all die Gewerke, die jahrhundertelang Messestände aufgebaut und Licht und Lautsprecher ausgeliehen hatten, fragen: Wovon sollen wir leben, wenn alles stattfinden kann, ohne dass es stattfindet?

          Und dann eröffnete am Donnerstag in Berlin doch tatsächlich eine richtige Messe, die zweite nach einem halben Jahr (die erste war der heute endende Düsseldorfer Caravan Salon). Eigentlich sogar drei Messen: die Positions Berlin Art Fair, die Paper Positions und die Photo Basel, die nach der Absage der Muttermesse Art Basel ebenfalls unter die weiten Dächer des Flughafens Tempelhof geschlüpft war. Hunderte Menschen warteten geduldig in Schlangen, um zur Kunst vorgelassen zu werden, ließen sich die Stirntemperatur messen, hinterließen ihre Kontaktdaten und warteten abermals auf Einlass in die Halle, um dann etwas zu erleben, das man wiederum nicht anders beschreiben kann denn als Wiedereintritt in die alte, die vertraute Welt: eine Welt, in der man sich unter Fremden bewegt, in ständig wechselnden Sichtachsen, und zwar nicht im klaustrophobischen Gedränge und symbolischen Eskalationskampf einer Demonstration, sondern in der wohlsortierten, milde temperierten Atmosphäre der Hochkultur, mit Bildern an der Wand statt in der Hand.

          Dass es um die Bilder selbst nicht in erster Linie ging, war schnell klar, in erster Linie ging es natürlich um das Erlebnis „Kunst“ an sich, jenes aufreizende Zusammenspiel aus Idee und Preis, und das entschuldigte, dass viele Bilder aussahen wie schlechte Kopien der Bilder, die draußen in der Stadt in den Galerien hingen. Das ist ja immer auch der Spaß an Kunstmessen der zweiten Reihe, dass sie denen der ersten einen Zerrspiegel vorhalten. Die Hauptattraktion aber waren die Menschen, die unter den hohen Decken der gut durchlüftbaren Hallen einander so nahe kommen durften, dass man denken konnte, es sei alles wieder gut, solange man auch die Masken im Gesicht vergaß, was man ja inzwischen schon fast tut. Lange war die Positions die belächelte Zweitmesse. Jetzt überlebt sie die großen Zusammenkünfte der globalen Klasse, weil ihre Einsätze so klein sind, dass ihr das lokale Publikum reicht.

          Ansonsten ist aus dieser Woche zu lernen: Eine Messe lässt sich beliebig bestätigen oder absagen. Hauptsache, sie findet statt.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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