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Galerierundgang London : Wer fährt die Ernte ein?

  • -Aktualisiert am

Ein herbstlicher Galeriebesuch: Elmgreen & Dragset inszenieren bei Victoria Miro die Räume als Scheune, Penelope Slinger verwandelt sich in einen Vogel, und Ken Currie geht auf Hasenjagd.

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          Der spätsommerliche Geruch von frisch eingefahrenem Heu steigt dem Besucher, der die alte Holztreppe hinaufklettert, in die Nase. Den ersten Stock der Londoner Galerie von Victoria Miro, in einem ehemaligen Möbellager aus dem 19.Jahrhundert, hat das dänisch-norwegische Künstlerduo Elmgreen & Dragset wie eine alt-deutsche Scheune eingerichtet. Die alten offenen Dachbalken des großzügigen Galeriegebäudes über der Heulandschaft fügen sich ebenso harmonisch ins Bild wie auch die kleine Flasche Jägermeister, die in schwarzem Holzfachwerk steht.

          Die Anordnung der alten, rostigen Feldarbeitsutensilien wirkt zufällig und gleichzeitig bis ins kleinste Detail inszeniert: der alte Heurechen mit abgebrochenen Zinken, an dem eine Lederhose in Kindergröße hängt, ein kleines Vogelnest mit Ei auf einem Hocker, ein rostiger Krehl, ein Pferdegeschirr, an dem Spinnweben hängen. Im Hintergrund ein braunes Scheunentor, das nirgendwo hinführt, inklusive dekorativem Geweih.

          ... und nicht auf „Self-Image“, beide von 1977

          Man stapft durch Heuberge und um zwei große Heuballen herum, Erzählstränge bieten sich an und schaffen immer neue Zusammenhänge und Betrachtungsebenen. Auf der Rückenlehne eines braunen Schaukelstuhls steht in geschwungener weißer Schrift: „Home ist the place you left“. Auf der Sitzfläche darunter thront ein kleines Bauernhaus, in dem sich das große Scheunentor wiederholt.

          Zusammengehalten wird diese filmisch anmutende Szene von einem lebensecht wirkenden Jungen aus Kunstharz, der auf dem Rand einer Mauer sitzt, von der man hinunter in den Galerieraum im Erdgeschoss blicken kann. Er kehrt dem Raum den Rücken zu - gedankenverloren oder trübsinnig, jedenfalls mit geröteten Augen, in die Tiefe starrend. Neben ihm liegt ein Buch aus Holz, mit dem Titel „The Harvest“ - die Ernte.

          Fremde und eigene Erinnerungen werden von den Künstlern angestoßen, führen jedoch nicht hinaus in die Natur, sondern zurück in die Kunstwelt und den Kunstraum: Die schwarzen Balken an der Wand sind nicht architektonischen Traditionen gemäß zusammengefügt, sondern schreiben das deutsche Wort „Kunst“ an die Wand. Nun passt auch der weiße Geier ins Bild, der diese bukolische Szene und den Jungen vor sich von einem weißen Ast in einer Ecke des Raumes aus beobachtet. Das Werk heißt „The Critic“.

          Der Kunstkritiker ist allegorisch in das Kunstwerk eingebaut. Bedeutet es, dass der Junge, der vornübergebeugt in die Tiefe blickt, den Künstler repräsentiert? Was wird hier als Heu eingefahren? Künstlerische Ideen, Frucht der harten Arbeit des Geistes, der Erinnerungen und Erfahrungen auf dem Feld des Unterbewussten, reifen hier - so wie in dem kleinen Ei ein Vogel heranwächst - um sie später zu ernten und verkaufen? Was fällt dabei für den Aasgeier „Kunstkritiker“ ab? Fährt er die „Ernte“ ein? Ist er Teil oder Beobachter dieser Szene?

          Michael Elmgreen und Ingar Dragset, die in London und Berlin leben, beschäftigen sich besonders gern damit, das Kunstsystem kritisch zu reflektieren und seine Institutionen zu befragen. Der Kritiker in der Scheune mag nur eine Randfigur sein, im Erdgeschoss dagegen erfahren traditionelle Kunstinstitutionen eine geradezu ehrfürchtig-akribische Auseinandersetzung. Wer die Galerie betritt, findet sich einer Gruppe von großen, weißen Bildern gegenüber, die mit breiten schwarzen Holzrahmen eingefasst sind. Am unteren Rand ist jeweils der Name eines bekannten europäischen oder amerikanischen Museums eingraviert.

          Elmgreen und Dragset sind in der Kunstwelt mittlerweile selbst so etabliert, dass die Museen stolz sind, ein Stück Wand von ihren Ausstellungsflächen für die beiden Künstler abzulösen. Ein Stück Wand heißt in diesem Falle mehrere Millimeter übereinander gelagerter Farbschichten, die für verschiedene Ausstellungen aufgetragen wurden und dazwischen immer wieder weiß übermalt wurden. Mit Hilfe eines extrem aufwendigen, mittelalterlichen Fresko-Verfahrens und vielen feuchten Tüchern wurde von Berliner Spezialisten schichtenweise Ausstellungsgeschichte abgelöst und auf groben, braunen Leinwänden aufgebracht.

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