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Galerien in Berlin : Ah, diese Luft!

  • -Aktualisiert am

Im Sommer schaltet der Kunstbetrieb einige Gänge runter: Doch in Berlin finden sich immer gute Ausstellungen für einen Galerierundgang. Ausgewählt haben wir Geta Bratescu bei Barbara Weiss, Wu Tsang bei Bortolozzi und Julian Rosefeldt bei Arndt.

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          Sommerliche Galerierundgänge sind ein Vergnügen, besonders wenn man mit dem Fahrrad die Stadt erkundet. Die Kunsträume sind kühl, und während Berlin sich mit Touristen füllt, kann man dort Entdeckungen machen: Mythologisch grundiert geht es bei Geta Bratescu zu. Die rumänische Künstlerin, geboren 1926, zeigt bei Barbara Weiss Arbeiten von 1975 bis 2005, darunter vierzig Zeichnungen als Serie mit dem Titel „Himere“ - angelehnt an das mythische Wesen mit den drei Köpfen, die Chimäre (Zeichnungen je um 4000 Euro). Einige soll die Achtundachtzigjährige mit geschlossenen Augen geschaffen haben. Überprüfen kann man das nicht. Aber es stimmt, die Umrisse der skizzierten Fabelwesen verschränken sich, als probten sie einen kannibalischen Tanz. Die Materialität des Papiers tritt deutlich als Relief hervor, die Zeichnungen wirken aus der Zeit gefallen, könnten auch tief im 20. Jahrhundert entstanden sein. Was vielleicht kein Wunder ist, wenn man wie Bratescu bereits seit sechs Jahrzehnten Kunst schafft. „Atelier Continue“ lautet der Titel der Schau - das Atelier als Lebensprinzip wird fortgesetzt, ein Ende der Kunst ist nicht in Sicht. (Bis zum 26. Juli.)

          Auch wenn der Kunstbetrieb in diesen Wochen einige Gänge runterschaltet: manche Händler sind jetzt schon in den Ferien, oder lassen ihre Ausstellungen einfach länger laufen, wie Bortolozzi. In der Beletage mit den holzvertäfelten Wänden hat der Amerikaner Wu Tsang, Jahrgang 1982, seine Videoinstallation „A day in the life of Bliss“ aufgebaut: zwei Projektionen und zwei Spiegel, so dass man sich als Betrachter rundum aufgehoben fühlt in der grellen, von elektronischen Musik rhythmisierten Erzählung aus dem Leben der Bliss, gespielt von der Performerin Boy Child: rasierter Schädel, Tattoos, androgyner Jungskörper mit Brüsten dran. Bliss und ihre Freunde haben Spaß am Verkleiden, gehen aus, werden von der Polizei verhaftet, bekommen Stromstöße ab und übernehmen - man versteht nicht ganz, warum - dennoch das Kommando. Formal ist die Arbeit reizvoll durch das körperbetonte Spiel, die Musik und die versetzten und verdoppelten Projektionen. Die Dialoge erscheinen separat an der Wand, wie im Chat. Sie ersetzen das gesprochene Wort beinah, als würden sich die Protagonisten in ihrem Post-Internet-Slang telepathische Kurznachrichten schicken. Inhaltlich badet Wu Tsang zu sehr in der Angesagtheit des Milieus, auch das selbstverzückte Winden der Performerin vor ihrem Spiegel kann einem auf die Nerven gehen. Ob sich das Gesamtwerk von Wu Tsang im Museum behaupten kann, wird sich im November weisen, dann ist das Werk im Zürcher Migros Museum zu sehen (31.7.; Preis auf Anfrage).

          Eine ganz anders überzeugende Videoarbeit zeigt der Deutsche Julian Rosefeldt. In Berlin bisher nur für kurze Zeit zu sehen gewesen, präsentiert die Galerie Arndt Rosefeldts Erkundung des deutschen Waldes als nationalem Mythos: „Meine Heimat ist ein düsteres, wolkenverhangenes Land.“ Wie da ein junger Mann in Rückenansicht mit der Motorsäge in der Hand im Nieselregen verharrt, die entfesselte und doch ruhige Kamera einem Wolf in den Wald folgt und dann plötzlich inmitten weißer Blüten Dutzende Lederhosenträger den Hang hinabgestiefelt kommen, das ist surreal, bildmächtig und präzise inszeniert. Der Ton schwankt zwischen Ironie und Einfühlung. Rosefeldt bewegt sich souverän zwischen Hommage und Persiflage. Der Deutsche, doziert der bekannte Schauspieler Lars Eidinger vor einem Opernpublikum, identifiziere sich zu sehr mit seinem Wald. Kerzengerade Stämme, die nichts umhaut, die man nicht verpflanzen kann, nur absägen. Man sieht den waldseligen Deutschen dennoch gerne zu, der Galeriebesuch ersetzt den Ausflug ins Grüne. Der Film kostet 75 000 Euro in einer Auflage von sechs, Fotos zu „Meine Heimat“ und „Ship of Fools“ bewegen sich zwischen 4000 und 12 000 Euro. (Bis 20. August.)

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