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Serie zur Gartenkultur : Gärtnern bildet

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Auch, wer nur sein Gärtlein bestellt, übernimmt soziale und ökologische Verantwortung. Bild: dpa

Spottet nicht über die Gärtner, denn immerhin sie finden den Ausgang aus ihrer selbstverschuldeten gärtnerischen Ignoranz. Und nur die Wissenden können das Grün nachhaltig gestalten.

          Gartenbildung? Was ist das überhaupt? Der glückliche Sommertag, der Garten und Bildung zusammenbringt, beginnt bei Platon, der bald nach 387 vor Christus in einem athenischen Park seine „Akademie“ begründete, die nach dem attischen Heros Akademos benannt war. Im Dialog „Phaidros“ erzählt Sokrates von einem Gärtner, der den Samen, von dem er Früchte haben möchte, in der südlichen Sommerhitze in einen Kasten sät und sich daran freut, dass er in acht Tagen bereits prächtig aufgeht; doch noch rascher sind die Pflanzen wieder verwelkt.

          Diesem stellt Sokrates einen Gärtner gegenüber, der den Samen zum rechten Zeitpunkt ausbringt, regelmäßig wässert und geduldig zuwartet. Er erfreut sich im achten Monat an einer reichen Ernte. Erfolg ist mithin nicht rasch zu haben, weder in der Erziehung noch beim Gärtnern. Hier wie dort ist gewissenhafte, geduldige Arbeit gefordert. Gelingen und Scheitern sind allerdings untrennbar. In schnelllebiger Zeit gemahnt der gärtnerische Eros zu Bescheidenheit, Demut und Geduld; er ist ein ideales Mittel der körperlichen und geistigen Entschleunigung.

          Verantwortung für das gesamte ökologische System

          Platon verweist zugleich auf unser individuelles Potential, als kluge Gärtner die Verantwortung für unsere Pflanzen und damit für uns selbst zu übernehmen. Der Garten spiegelt das Individuum, das ihn erschaffen hat und das darüber entscheidet, was schön und gut ist. Dabei sollte man nicht allein auf emotionale Zugänge vertrauen, die zwar bleibende Eindrücke hinterlassen, aber oft keine nachhaltige Erkenntnis bringen. Es ist notwendig, praktisches und theoretisches Wissen zusammenzuführen. Man muss die Astschere gekonnt ansetzen und die Fruchtfolge im Hochbeet korrekt planen können. Mit seinem Anwesen, auch wenn es noch so klein ist, kann jeder Gärtner und jede Gärtnerin Verantwortung für das gesamte ökologische System übernehmen, aber nur die Wissenden können den gärtnerischen Kosmos nachhaltig gestalten.

          Spitzwegs „Gartenfreund“, um 1860: Ein zutiefst bürgerliches Vergnügen.

          Zu Platon tritt Epikur, der 306 vor Christus in seinem Garten in Athen eine Schule gründete und sich auf die Suche nach einem Leben machte, das frei von Schmerz und Furcht sein sollte. Körper und Geist wurden in der sicheren Distanz zum politischen Geschehen im exklusiven Kreis der Freunde gepflegt. Der Epikureismus war eine apolitische, ja antipolitische Philosophie, die auf den Umstand reagierte, dass die Polis als bürgerliche Lebensform in den hellenistischen Monarchien obsolet geworden war. Dennoch ist Gärtnern in dieser Tradition kein privatistisches Unterfangen. Rückzug darf nicht mit Resignation gleichgesetzt werden. Dies wäre ein neuzeitliches Missverständnis; Epikur verwandelte sich quasi in Voltaires „Candide“. Das Bestellen des eigenen Gartens ist für den griechischen Philosophen ein wesentlicher Beitrag zur sozialen Verantwortung. Zu dem sinnlichen Genuss kommt das intellektuelle Vergnügen; beide sind umso größer, wenn man sie in der Familie, mit Freunden, mit Nachbarn teilen kann. Von Epikur sollten wir lernen, dass der Garten dem Menschen im gesellschaftlichen Miteinander Freiräume eröffnet, die er in der Geschäftigkeit des Alltags nicht finden kann.

          Ein weiteres Element der Gartenbildung findet sich im englischen Landschaftsgarten des achtzehnten Jahrhunderts, der eine klare Absage an die strenge Ordnung der barocken Herrschaftsarchitektur enthielt. Er zelebrierte die ungebändigte Natur, in der das Individuum seine Blicke und seine Gedanken frei schweifen lassen konnte. Dieser aufgeklärte Garten war zutiefst bürgerlich, auch wenn ihm spätabsolutistische Aristokraten zum Siegeszug verholfen hatten.

          Selbstbewusste Offenheit für Neues, Fremdes, Unerhörtes

          In diesem Sinne bedeutet Gartenbildung den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten gärtnerischen Ignoranz. Im Garten befreit man sich von unreflektierten Gewohnheiten. Die Vernunft ist auch hier die universelle Urteilsinstanz. Die Sorge um den Garten setzt notwendigerweise den Austausch mit dem anderen voraus; Gartenbildung impliziert die selbstbewusste Offenheit für Neues, Fremdes, Unerhörtes. Diese emanzipatorische Bildung ist inzwischen demokratisiert und, zumindest im Westen, nicht mehr allein abhängig von ökonomischen Ressourcen.

          Gartenbildung ist keine Massenware, die im Gartencenter um die Ecke zu haben ist. Sie ist elitär.

          Heute sind wir indes in der paradoxen Situation, dass zwar alles für den Garten verfügbar ist, aber die Unmittelbarkeit der individuellen Erfahrung mehr und mehr verlorengeht. Gärtnerisches Gestalten wird an vermeintliche Experten delegiert und rasch wechselnden Moden unterworfen. Der totgesagte Park ist auf diese Weise wirklich tot.

          Unsere gärtnerische Jetztzeit charakterisiert die Diskrepanz zwischen individuellem und kollektivem Stil. Der Pluralismus der Moderne ist im Garten angekommen, die Kultur der Dinge übersteigt auch hier die Kultur der Menschen. Nur der selbstbewusste Gärtner kann aus seinen schöpferischen Kräften einen individuellen Gartenstil schaffen. Gartenbildung bewahrt dann vor dem unsteten Wechsel der Stile und Moden, wie sie unsere heutige Konsumgesellschaft auch im Grünen postuliert.

          Die wohlfeilen Arabesken einer scheinbaren Individualität sind überflüssig. Gartenbildung ist keine Massenware, die im Gartencenter um die Ecke zu haben ist. Sie ist elitär. Aber sie verleiht die Gewissheit, dass man nicht über angeblich verpasste Chancen trauern, sondern der individuellen Erfahrung zukunftsfroh vertrauen sollte.

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