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Gabriels Rücktritt : Im Minutentakt

Doch kein Kanzlerkandidat: Sigmar Gabriel Bild: dpa

Am Ende wird er es doch machen, dachten viele. Dann kam, selbst für Parteigenossen überraschend, der Rücktritt. Fast genauso überraschend war der Weg, den die Nachricht des Tages nahm.

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          Sigmar Gabriel wird Kanzlerkandidat der SPD. Sigmar Gabriel wird nicht Kanzlerkandidat der SPD: Was zahlreiche Online-Medien am Tag des Verfassungsgerichtsurteil zur NPD binnen weniger Minuten widerfuhr – erst die falsche Meldung, dann die richtige, dann die Entschuldigung, auf den falschen Knopf gedrückt zu haben –, lief bei der „K-Frage“ der Sozialdemokraten anders. Denn die Schlagzeilen, dass Sigmar Gabriel für seine Partei als Spitzenkandidat in den Bundestagswahlkampf ziehe, waren mit einem „wohl“ oder „wahrscheinlich“ versehen und liefen bis gegen Dienstagmittag ein. Um 14.34 Uhr dann hatte der Branchendienst „Meedia“ erspäht, womit das Magazin „Stern“ seine nächste Ausgabe aufmacht, die nicht erst am Donnerstag, sondern einen Tag früher kommt als sonst: „Der Rücktritt. SPD-Chef Sigmar Gabriel über seinen Verzicht auf die Kanzlerkandidatur, seinen Nachfolger, seine Vorwürfe gegen Merkel und sein neues privates Glück.“

          Da hatte der erste Sozialdemokrat seine Geschichte also einem Magazin seine Entscheidung verraten, auf welche die Genossen seit Monaten warten und die erst am Dienstagabend offiziell werden sollte. Doch nicht nur dem „Stern“ gegenüber kannte Gabriel kein Geheimnis mehr. Eine halbe Stunde nach der ersten Nachricht, als Gabriel gerade die SPD-Bundestagsfraktion in Berlin einweihte, beeilte sich „Zeit Online“, dieselbe Story loszuwerden: Keine Spitzenkandidatur, Parteivorsitz weg, Wechsel ins Auswärtige Amt, Martin Schulz soll gegen Merkel antreten und die SPD führen.

          Welche Motive ihn zu seiner Entscheidung bewogen hätten, lesen wir da, habe Sigmar Gabriel dem stellvertretenden Chefredakteur der „Zeit“, Bernd Ulrich, „in den vergangenen sechs Monaten in vielen Gesprächen dargelegt“. Von diesem Ringen hätten viele Genossen sicherlich auch gern und nicht erst aus der Presse erfahren. Macht er es, macht er es nicht – wochenlang hatten wir das Spiel. Viele, die glaubten, ganz nah dran zu sein an Gabriel, gaben ihre Einschätzung ab. Bei Reinhold Beckmann zum Beispiel, der den Noch-SPD-Vorsitzenden und Noch-Wirtschaftsminister im vergangenen Jahr für ein Porträt im ARD-Fernsehen begleitete, hatte es am Ende, als man angesichts des privaten Familienglücks Gabriels und der Resignation in seinem Gesicht auf der Fahrt zurück aus dem Harz nach Berlin gedacht hatte, er schmeiße hin, geheißen: Am Ende wird er es doch machen.

          Berlin : Gabriel tritt nicht als SPD-Kanzlerkandidat an

          Macht er also nicht und sagt, es sei „seine Pflicht als Vorsitzender“ so zu handeln, wie er es jetzt tut. Die Art, wie Gabriel diese Nachricht unter die Leute gebracht hat, werden ihm diejenigen seiner eigenen Leute, die nichts wussten, wohl verzeihen, weil er mit Martin Schulz den zurzeit angeblich populärsten SPD-Kandidaten ins Rampenlicht rückt – der nach seinem Abgang bei der EU ja auch dringend einen neuen Job brauchte. Lange sah das Revirement nach Hängepartie, Eiertanz und der Unfähigkeit, sich zu entscheiden, aus. Plötzlich wirkt es wie ein Scoop mit perfektem Timing. Nur schade, dass Olaf Scholz als der Dritte im Bunde vielleicht der beste Kandidat gewesen wäre.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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