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Auf den Spuren von Gabriel Grüner : Ein Menschenleben

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Als Alit erwidert, er habe keine Straßensperren gesehen, wittert der Alte eine Falle: „Du Albanerschwein!“, schreit er ihn an. „Ich bring dich um!“ Eine Frau neben ihm hält ihn davon ab, auf das Auto loszustürmen, aber Alexandre T., der aus dem demolierten Toyota ausgestiegen ist und den Streit verfolgt hat, entreißt dem Alten die Kalaschnikow. Ohne zu zögern, feuert er das gesamte Magazin auf Krämer, Grüner und Alit.

Danach geht er zu dem Mercedes, zerrt den schwerverletzten Grüner und die beiden Toten heraus und rast mit ihm davon. Zwischen Plan und Tat lag vermutlich weniger als eine Minute. Sie führte zum Tod dreier Menschen, die das Geschehen kaum begreifen konnten. Nur Krämer - das zeigt die Obduktion - konnte sich noch die Hände vors Gesicht halten. Die anderen hatten den Angriff nicht einmal bemerkt.

Nachdem Rienhardt und Reinhardt wussten, wer der Mörder war, versuchten sie, ihre Recherche juristisch wasserfest zu machen. Wo Zeugen nicht nach Deutschland reisen durften, fuhren sie zu ihnen, und nahmen die Aussagen auf Video auf. Mitte 2001 war genug belastendes Material gesammelt, so dass das Oberlandesgericht Hamburg bereit war, einen internationalen Haftbefehl auszustellen.

Doch alle Versuche, Alexandre T. festzunehmen, schlugen fehl. Es gebe triftige Gründe anzunehmen, dass er von russischen Behörden geschützt wird, sagen die Journalisten, die ihn jagten. Zurzeit lebt T. in Russland, wo er sich im Radio und in Magazinen brüstet, einen hohen albanischen Offizier und westliche Journalisten erschossen zu haben. „Das ist das Bitterste“, sagt „Stern“-Reporter Joachim Rienhardt. „Dass der Drecksack frei rumläuft. Dass das jetzt versandet, wo wir schon so weit waren.“

Auch die Kosovoalbaner gedenken des toten Journalisten

An der Stelle, wo ihre Kollegen vor fünfzehn Jahren starben, legen Reinhardt und Rienhardt Blumen nieder. Als Uli Reinhardt ein Jahr nach dem Mord hierherkam, wusste er noch nicht, wie er an Grüner erinnern sollte. Aus Mazedonien besorgte er ein Holzkreuz und versuchte, es in den felsigen Boden zu rammen. Ein Albaner, der beobachtete, wie er sich abmühte, half ihm dabei.

Gedenkstein des ermordeten Journalisten Gabriel Grüner auf dem Dulje-Pass, Kosovo. Er starb am 13. Juni 1999
Gedenkstein des ermordeten Journalisten Gabriel Grüner auf dem Dulje-Pass, Kosovo. Er starb am 13. Juni 1999 : Bild: Uli Reinhardt / Zeitenspiegel

Ein Jahr später war das Kreuz von Jugendlichen, die es für ein serbisches Relikt hielten, unter Schutt vergraben worden. Arbeiter, die das Restaurant am Pass bauten, sahen Reinhardt ratlos dastehen. Sie halfen ihm suchen und luden ihn zum Kaffee ein.

Im dritten Jahr schenkten die Einwohner von Suhareka Reinhardts Reportage-Agentur per Grundbucheintrag drei mal drei Meter kosovarischen Boden auf dem Duljepass. Dort stehen heute zwei Kirschbäume neben einem Gedenkstein aus unbehauenem Marmor, den ein Künstler aus dem Ort angefertigt hat. Auf der schwarzen Granitplatte liest man die Namen der drei und den Text aus Grüners Todesanzeige auf Deutsch und Albanisch. Ein Brecht-Zitat:

Der Regen
Kehrt nicht zurück nach oben 
Wenn die Wunde
Nicht mehr schmerzt
Schmerzt die Narbe



Wenn man die Kosovo-Albaner fragt, warum sie das tun, wo sie doch selbst so viele Tote zu beklagen haben, sagen sie: „Ohne die Journalisten, die über den Krieg berichtet haben, hätte die Nato nie eingegriffen.“ Für Uli Reinhardt ist es ein wichtiges Zeichen, dass die Albaner das Gedenken an seinen Freund auch zu ihrer Sache gemacht haben: „Natürlich ist Gabriel für mich nicht irgendwer. Aber es geht mir auch darum, aufzuzeigen, dass das Leben eines Einzelnen etwas wert ist. Wenn eine Gesellschaft das vergisst, wird es gefährlich.“ Er wird auch im nächsten Jahr wiederkommen.

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