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Auf den Spuren von Gabriel Grüner : Ein Menschenleben

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Ein Telefonat mit dem „Stern“ bringt wenig Klarheit. Die Redaktion ist wie gelähmt. Grüner war ein beliebter Kollege, mit vielen befreundet. Ein Mann, der deutsche Schlagertexte ebenso auswendig kannte wie Gedichte von Heiner Müller oder Schillers „Glocke“. Jemand, der zig Spendenaktionen des „Stern“ initiierte und mehrere Millionen Mark für Flüchtlingskinder eintrieb. Einer, der erst 35 Jahre alt war und im Betriebsrat kein Blatt vor den Mund nahm. Nicht vorzustellen, dass der nun nicht mehr wiederkommen soll!

„Gabriel war kein Hasardeur. Aber ich konnte es nicht beweisen.“

Reinhardt entscheidet sich zu fliegen. Doch vorher muss er wissen, wo Grüner umgekommen ist. Muss herausfinden, was geschehen ist. In Prizren, wo fünfzig, sechzig Journalisten auf einem Haufen sitzen, gibt es keine Informationen, bloß Gerüchte. Spekulationen kochen hoch, gelangen nach Deutschland und kehren als Meldungen in Zeitungen wieder zurück. Grüner und Krämer seien unvorsichtig gewesen, heißt es. Sie hätten ein Massengrab finden und einen Coup landen wollen. Sie seien in einen Hinterhalt geraten. „Ich wusste, dass es so nicht gewesen sein kann“, sagt Reinhardt. „Gabriel war alles andere als ein Hasardeur. Aber ich konnte es nicht beweisen.“

Gabriel Grüner in der Klinik von Karla Schefter in Chak-e-Wardak in Afghanistan
Gabriel Grüner in der Klinik von Karla Schefter in Chak-e-Wardak in Afghanistan : Bild: Uli Reinhardt / Zeitenspiegel

Weil auch die Bundeswehr nicht genau angeben kann, wo die beiden Männer starben, fahren Reinhardt und Eißele in Richtung Skopje, wo Grüner und Krämer ihr Material abends an den „Stern“ hätten schicken sollen. Unterwegs lassen sie sich von einem Zivilisten über einen Feldweg zu einer Farm lotsen. Trotz instabiler Lage und großer Minengefahr. Doch es ist eine falsche Fährte. Sie finden nichts, erfahren nichts.

Die Blutlache am Pass

Dann kommen sie auf den Dulje-Pass und entdecken hinter der Kuppe eine Blutlache, die sich über die ganze Straße ausbreitet. Hier muss der Fotograf Volker Krämer gestorben sein, von hier wurde der schwerverletzte Gabriel Grüner ins Lazarett gebracht. Und hier liegt immer noch ihr Übersetzer Senol Alit. Als Reinhardt aussteigt, erspäht er ihn in der Böschung, wo man ihn wegen der Minengefahr nicht bergen konnte. Auch er hat mit ihm viel Zeit auf dem Balkan verbracht. Reinhardt eilt hin. Eißele will ihn aufhalten. Oft werden auch Leichen mit Sprengfallen verbunden. Aber er - der Ruhige, Bedachte - hört nicht. „Man ist da in einer Verfassung, da ist einem alles wurscht“, sagt Eißele heute.

Dass Reinhardt, den Freunde und Kollegen als ruhig und überlegt, beinahe phlegmatisch beschreiben, so leichtsinnig handelt, um beweisen zu können, dass seine Freunde nicht leichtsinnig waren, lässt seine Verzweiflung ahnen.

Überhaupt ist es schwer, sich den Krieg vorzustellen, wenn man heute das Kosovo besucht. An der Stelle rauchender Häuser spiegeln Glasfassaden das Sonnenlicht, ragen Baukräne empor. In der Stadt Suhareka ist die Schotterpiste unter einer breiten Asphaltstraße verschwunden. Wo es früher gespenstisch leer war, schlendern hübsche Frauen in engen Hosen und Jungen in weiten T-Shirts.

Am 12. Juni 2014, abends um halb sechs, kommt Reinhardt nach zwei Tagen und 1700 Kilometern Fahrt in einem Hotel bei Suhareka an. Er lässt seine Mitfahrer aussteigen und braust ohne Pause weiter zum Flughafen nach Prishtina. Dort wird gleich der „Stern“-Reporter Joachim Rienhardt eintreffen. Reinhardt will den Freund um keinen Preis warten lassen.

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