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Auf den Spuren von Gabriel Grüner : Ein Menschenleben

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Mit der Zeit wurde aus der Kameradschaft unter Profis eine Freundschaft. „Man verbringt mehr Zeit zusammen als Eheleute und erzählt sich mehr als der Familie“, sagt Reinhardt. Besonders während des Krieges in Bosnien, wenn sie sich die lichtlosen Nächte und den Hunger mit Erzählen vertrieben. Dass Grüner 16 Jahre jünger war, hat da keine Rolle gespielt. „In vielem, was er beruflich und menschlich auf die Waage brachte, habe ich ihn mir zum Vorbild genommen“, sagte Reinhardt später bei der Trauerfeier in Hamburg.

Die Bundeswehr marschiert ein

Die Freundschaft zwischen Reinhardt und Grüner ist keine, die allmählich wächst, reift und schließlich auf die Probe gestellt wird. An ihrem Anfang steht bereits die Feuertaufe im Kessel von Sarajevo, die die Männer einander sofort nahebrachte. Kann auf solchem Boden Freundschaft vielleicht am besten gedeihen? Ist dies der Grund, warum sie selbst noch Grüners Tod überdauert? Warum Reinhardt Jahr für Jahr im Juni in das Kosovo reist?

Gabriel Grüner und Uli Reinhardt bei ihrem ersten gemeinsamen Einsatz 1992 im belagerten Sarajewo
Gabriel Grüner und Uli Reinhardt bei ihrem ersten gemeinsamen Einsatz 1992 im belagerten Sarajewo : Bild: Uli Reinhardt / Zeitenspiegel

Auch als Grüner starb, war Reinhardt im Kosovo und bloß wenige Kilometer entfernt. Am 12. Juni 1999 marschiert die Bundeswehr als Teil der Nato-Truppen ein. Über die ersten Tage des Friedens nach über fünfzehn Monaten Krieg sollen für den „Stern“ zwei Teams berichten: Uli Reinhardt und seine Lebensgefährtin Ingrid Eißele, die von Albanien einreisten, und Grüner mit dem Fotografen Volker Krämer, die aus Mazedonien aufbrachen. In Prizren hatten sie sich zu einem Bier verabredet.

Doch die Serben hatten sich längst nicht überall zurückgezogen, wie Reinhardt, Eißele und andere Journalisten berichten, die damals vor Ort waren. Die Bundeswehreinheiten stehen noch in Albanien. Eißele und Reinhardt warten. Am 13. Juni fahren sie los. Soldaten und Freischärler ziehen umher. Die meisten sind bewaffnet, viele betrunken. Wütend auf alles Albanische, auf die Nato und auf die Journalisten, denen sie vorwerfen, mit ihren Berichten den Nato-Einsatz erst erzwungen zu haben. Auf den Straßen müssen die Journalisten Panzerminen ausweichen.

Plötzlich ist der Krieg ganz nah

Weil Reinhardt und Eißele nur langsam vorankommen, verpassen sie ihre Kollegen um zehn Minuten. Am nächsten Morgen treffen sie einen deutschen Journalisten. „Da hat’s welche von euch erwischt“, sagt der. Ingrid Eißele ist wie elektrisiert. Sie rennt in ein nahe gelegenes Hotel - dasjenige, wo Grüner und Krämer am Abend vorher übernachtet hatten - und bittet einen Journalisten um sein Satellitentelefon. „Stimmt das?“, fragt sie die „Stern“-Sekretärin in Hamburg. „Ja, Volker ist tot“, sagt die. „Und Gabriel auch.“

„Ein schrecklicher Moment“, sagt Eißele. „Und dann musste ich es Uli sagen.“ Uli Reinhardt wird bleich und still. „Ich glaube, er hat lange gebraucht, bis er das wirklich verstanden hat.“ Die beiden sprechen nicht viel. Plötzlich sind die, die sonst über den Krieg berichten, ein Teil davon. Alles dreht sich; die Orientierung ist verloren.

Reinhardt telefoniert mit Grüners Freundin, die im sechsten Monat schwanger ist. Sie bittet ihn, nach Hamburg zu kommen. Reinhardt weiß nicht, was er tun soll: Er will ihr helfen, aber auch herausfinden, was mit dem Freund geschehen ist. Und er will seine Freundin nicht allein zurücklassen. Auch sie ist schwanger.

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