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G-20-Konferenz : Gordon Brown dackelt

  • -Aktualisiert am

Übernimmt die Führung und schüttelt sogar Polizistenhände: Barack Obama schien sich sichtlich wohl zu fühlen bei Gordon Brown Bild: AP

Ein Gruppenfoto mit Hindernissen und ein angereister Präsident, der dem Gastgeber den Rang abläuft: Der Weltfinanzgipfel hatte auch abseits des wirtschaftspolitischen Parketts einige denkwürdige Momente zu bieten.

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          Wenn die großen Floskeln und das Kleingedruckte in den Schlusskommuniqués längst vergessen sind, werden einige Bilder und Randbeobachtungen von der Londoner G-20-Konferenz bleiben. Sie verankern die Symbolik des Augenblicks in der Erinnerung. Das ist zum Beispiel das Gruppenfoto der Gipfelteilnehmer, das beim ersten Versuch scheiterte, weil, wie es zunächst hieß, der kanadische Premierminister Stephen Harper gerade auf die Toilette gegangen war, als sich die Staatsleute vor der Kamera aufreihten. Sein Sprecher stellte jedoch richtig, dass Beamte den Premier in dem Moment vielmehr zur Seite genommen hatten, um ihn über den letzten Entwurf für das Schlussprotokoll zu informieren. Ein Beobachter frotzelte, es müsse Absicht gewesen sein, die anderen könnten es nicht ertragen, dass Kanada die Finanzkrise deutlich besser verkrafte als Amerika oder England.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die Folge der denkwürdigen Bilder beginnt jedoch in Downing Street. Als Barack Obama über den roten Teppich auf die berühmte Tür von Nummer 10 zuging, schüttelte er dem Polizisten, der dort traditionell steht, die Hand. Gordon Brown dackelte hinterher, als hätte das Loblied ihn aus der Bahn geworfen, das der amerikanische Präsident soeben auf die anglo-amerikanische Freundschaft gesungen hatte. Der Premier machte vor dem Polizisten halt, der leicht verwirrt dem Premierminister die Hand reichte. Brown aber nickte bloß mit dem Kopf und verschwand hinter der Tür. Wie souverän wirkte da der Besucher aus der Neuen Welt gegenüber dem unbeholfenen Vertreter des Alten Europa. Obama legte später seinen Arm väterlich um die Schulter des britischen Premierministers und lenkte ihn aus dem Raum, als sei er der eigentliche Gastgeber.

          Das Gepränge historischer Fürstentreffen

          Überhaupt setzte diese Versammlung alle ins Unrecht, die schon seit einiger Zeit verkünden, dass die Vorherrschaft der Vereinigten Staaten am Ende sei. Der chinesische und der russische Präsident mussten in Wingfield House vorfahren, der opulenten Residenz des amerikanischen Botschafters in Regent's Park, um von Obama empfangen zu werden. Die dortigen Gespräche gelten als mindestens so bedeutend wie der Ausgang der diplomatischen Verhandlungen im ehemaligen Londoner Hafengebiet.

          Einer fehlt hier noch: Doch nicht etwa der kanadische Premierminister Stephen Harper, sondern der italienische Ministerpräsident
          Einer fehlt hier noch: Doch nicht etwa der kanadische Premierminister Stephen Harper, sondern der italienische Ministerpräsident : Bild: AP

          Allein dem Auftritt Obamas mit seinem gepanzerten Wagen, dem Hubschrauber und einem Tross aus fünfhundert Menschen haftete etwas von dem Gepränge historischer Fürstentreffen an. Er erinnerte an das „Feld des Güldenes Tuches“ von 1520 bei Calais. Damals war man sich der Macht der Symbole ebenso bewusst wie im heutigen Medienzeitalter. Für die Begegnung Heinrichs VIII. mit dem französischen König Franz I. wurde ein Hügel abgetragen, damit keiner der Herrscher zum anderen aufschauen musste, als sie vor den Augen ihrer Völker aufeinander zuritten.

          Die Symbolik des Locarno-Saals im Außenministerium, wo am Mittwoch endlich jenes Wort von der „Special Relationship“ über Obamas Lippen ging, auf das die britische Delegation bei Browns Visite in Washington vergeblich gewartet hatte, dürfte den Organisatoren nicht entgangen sein. Doch fragte man sich, ob die Gastgeber nicht verheißungsvollere Geister hätten beschwören können als jene vom 1. Dezember 1925. Damals wurde in Locarno Deutschland in den Völkerbund aufgenommen. Der britische Außenminister Austen Chamberlain ließ die Räume seines Ministeriums nach der Vertragsunterzeichnung renovieren und nach Locarno benennen - zum Gedenken an ein Ereignis, das als diplomatischer Triumph gefeiert wurde. Den großen Hoffnungen auf eine neue Ära der internationalen Zusammenarbeit setzte Hitler jedoch wenig später ein abruptes Ende.

          Die Zusammenkunft der Alten und der Neuen Welt

          Obama hat nicht nur bekräftigt, dass Großbritannien und Amerika stets „durch dick und dünn, durch gute und durch schlechte Zeiten“ gingen: Er hat auch die Königin gelobt, die überall in Amerika für Anstand und Höflichkeit stehe. Bis auf Lyndon B. Johnson hat die Monarchin alle zwölf amerikanischen Präsidenten getroffen, die in den fast fünfzig Jahren ihrer Herrschaft regierten. Bei keiner dieser Begegungen verkörperte sie so sehr die Vertreterin eines „Ancien Regime“ wie jetzt, als Michelle und Barack Obama den Salon des Buckingham-Palastes betraten. Ein weniger gewandter Souverän hätte sich von dem dynamischen jungen Paar in den Schatten stellen lassen können. Elizabeth aber legt jenes Gespür für die Erfordernisse des Moments an den Tag, durch den sie ihren Thron gegen alle Zeitgeistströmungen verteidigt hat.

          Als der australische Premierminister sich 1992 anmaßte, den Rücken der Königin mit seiner Hand zu berühren, machte das königliche Protokoll keinen Hehl aus seiner Missbilligung. Mit Michelle Obama ist es anders. Das Bild der alten Dame, Arm in Arm mit ihrer jungen Besucherin, sagt mehr als große Reden. Die harmonische Zusammenkunft der Alten und der Neuen Welt gehört zu den kleinen historischen Momenten des Londoner Gipfels.

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