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„Futurismus“-Ausstellung 1912 : Eine Schau, die die Kunstgeschichte veränderte

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Das Gemälde von Philip Pearlstein zeigt den bedeutenden Kunsthistoriker Erwin Panofsky Bild: Archiv

Vor 100 Jahren fand in Berlin die erste Ausstellung zum Futurismus statt. Das Erlebnis dieser Kunst prägte Literaten und den Kunsthistoriker Erwin Panofsky. Er entdeckte die Zeichen einer neuen Zeit. Eine Erinnerung seiner Frau.

          Vor fast genau einhundert Jahren, im Mai des Jahres 1912, verursachte die „Futuristen“-Ausstellung in Berlin eine Sensation. Es wurden dreiunddreißig Gemälde der Italiener Umberto Boccioni, Carlo D. Carrà, Luigi Russolo und Gino Severini gezeig. In der von Herwarth Walden publizierten expressionistischen Zeitschrift „Der Sturm“ schrieb Alfred Döblin, der später als Autor des Romans „Berlin Alexanderplatz“ berühmt wurde, eine begeisterte Rezension. „Der Maler“, heißt es dort, „hat nicht die eine Dimension, die Fläche, die er zu zwei, drei umtauschen muß, sondern unendlich viel, sondern genau so viel, als ihm seine Phantasie gewährt. Der Eisenbahnzug saust über die eisernen Schienen; man sieht ihn nicht; man sieht nur die schrägen Telegraphenglocken; verzerrte, apathische, müde Gesichter fliegen durch den trüben Wind, gespensterhaft. Zeit und Raum verschiebt sich.“ Auch der Katalog-Text zu Boccionis Gemälde „Die Abreisenden“, auf das sich Döblin hier bezieht, hebt „die große Geschwindigkeit des fahrenden Zuges“ hervor.

          Wie wirkte diese Ausstellung auf die Kunsthistoriker? Wer sah sie, und was waren die Folgen? Erwin Panofsky (1892-1968) etwa war damals Student der Philosophie und Kunstgeschichte an der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin - und keineswegs Soldat, wie neuerdings immer wieder zu lesen ist. Kurz zuvor, am 30. März 1912, war er zwanzig Jahre alt und somit militärpflichtig geworden. Er hätte seinen einjährig-freiwilligen Dienst antreten müssen, für den er mit Versetzung in die Obersekunda 1907 die Berechtigung erlangt hatte. Es war jedoch Usus, sich nach vorschriftsmäßiger Meldung studienhalber bis zum ersten Oktober des vierten Militärpflichtjahres zurückstellen zu lassen (in Panofskys Falle also bis zum ersten Oktober 1915, ein Termin, der dann durch die Mobilmachung bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges hinfällig wurde).

          Grimm-Stiftung statt Kasernenhof

          Jedenfalls stimmt es nicht, wenn der Herausgeber der Panofsky-Briefe, Dieter Wuttke, behauptet, dass Panofsky „von Oktober 1911 an als Einjährig-Freiwilliger in Berlin“ diente“ und „ dabei einen Reitunfall“ erlitt. Abgesehen davon, dass er im Oktober 1911 noch gar nicht militärpflichtig gewesen wäre, war Erwin Panofsky im Oktober 1911 lediglich vom Polizeipräsidenten zu Schöneberg-Wilmersdorf ein Führungszeugnis - dies ist Wuttkes missdeutete Quelle - ausgestellt worden, das zwecks des vierjährigen Aufschubs nebst anderen Papieren bis spätestens ersten Februar 1912 eingereicht werden musste. Vom Exerzieren vorläufig befreit und keineswegs von einem Reitunfall behindert, belegte Erwin Panofsky an der Berliner Universität im Wintersemester 1911/12 ein zwanzigstündiges und im Sommersemester 1912 ein achtzehnstündiges Wochenpensum an akademischen Vorlesungen und Übungen.

          Überdies forschte er fieberhaft für die von der Grimm-Stiftung für 1911-1913 ausgeschriebene Preisaufgabe „Es soll das Verhältnis Dürers zu den italienischen Kunsttheoretikern, vornehmlich zu Lionardo, erörtert werden“, deren Preis ihm im August 1913 verliehen wurde. Das von ihm eingesandte Schreibmaschinen-Manuskript umfasste 211 Seiten, die Abhandlung wurde 1914 in Freiburg als Dissertation angenommen und 1915 in Berlin als Buch gedruckt. Schwer vorstellbar, dass - laut Wuttke - der Kandidat die enorme wissenschaftliche Leistung von Oktober 1911 bis Oktober 1912 auf dem Kasernenhof vollbracht hätte!

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