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Deutsches Fußballmuseum : Wenn den Fußball Ewigkeit umweht

Am 25. Oktober eröffnet in Dortmund das Deutsche Fußballmuseum. Aus dessen Beständen haben wir elf Objekte mit einem je speziellen kulturellen Bezug ausgewählt: Eine Einführung in die Sommerserie des Feuilletons.

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          Natürlich gehört der Fußball nicht nur auf den Platz, sondern auch ins Museum. Eminent ist seine Bedeutung für die deutsche Sozial-, Wirtschafts-, Gesellschafts-, Sport-, Kultur-, Sitten-, Gefühls- und natürlich auch für die Politikgeschichte seit dem letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts, vor allem jedoch seit der Gründung des Deutschen Fußball-Bundes am 28.Januar 1900 in der Leipziger Gaststätte „Zum Mariengarten“. Das will gesammelt, versammelt, gezeigt und gedeutet werden, obwohl, genauer noch: gerade weil das Verhältnis des Fußballs zu seiner Historie eher unspezifisch, ja ziemlich vage ist. Was hier vor allem zählt, ist die einst Woche für Woche, inzwischen längst Tag für Tag sich erneuernde Gegenwart – und der Ausblick auf die allernächste Zukunft. „Hauptsache, gewonnen: Das Wie interessiert morgen schon keinen mehr“, lautet der präsentische Standardspruch aus dem Arsenal der ebenso fraglosen wie stets bezweifelbaren Fußball-Weisheiten. Und das emphatische Futurum findet sich fest verankert im Sepp-Herberger-Axiom, dem zufolge das nächste Spiel immer auch das schwerste sei.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Wo bleibt da Platz für das Vergangene? Ganz gewiss in der oft nostalgisch verklärenden Reminiszenz mal glückhafter und mal tragischer, immer jedoch heroischer Momente und Gestalten, die zeitlich zudem sehr eng mit der Geschichte aufgezeichneter Bewegtbilder verbunden ist. An die ersten sieben, acht Jahrzehnte des Fußballs in Deutschland heftet sich – allen Fotografien, frühen Radioprogrammen, schriftlichen Zeugnissen, ja selbst den recht raren „Wochenschau“-Archivalien zum Trotz – nicht ein einziger magischer Augenblick. Der ereignet sich erstmals in der 84.Minute des WM-Finales von 1954 im Berner Wankdorfstadion, als Helmut Rahn das Siegtor schießt und damit den Mythos vom Wunder begründet: Ins Kollektivgedächtnis gelangt der Moment übrigens als Medienmix aus der Radioreportage von Herbert Zimmermann und den nun schon opulenteren Kinobildern der „Wochenschau“.

          Dem Sommermärchen sei Dank

          Wenn das Deutsche Fußballmuseum am 25.Oktober dieses Jahres am Eingang zur Dortmunder Innenstadt erstmals für das Publikum öffnet, wird die Ausstellung just mit diesem Ereignis beginnen – und erst danach zurückblicken auf die Anfänge dieses Sports und seine Geschichte seit 1900. Beschließen wird es seine multimedial orchestrierte Chronik des nationalen Fußballs vorderhand mit einem noch höchst präsenten Geschehen, also mit dem WM-Sieg von Rio de Janeiro am 13.Juli 2014 und Mario Götzes Triumphtor in der 113.Minute. Woraus zu ersehen ist, dass der Fußball in seiner Gegenwartssucht auch den Abstand zur Vergangenheit minimiert: Was gerade gestern erst geschah, hat heute schon den Hauch der Ewigkeit.

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          Das Deutsche Fußballmuseum verdankt sich dem Sommermärchen des Jahres 2006 und dem Verzicht der auch weiland schon vielgeschmähten Fifa auf ihren Anteil am finanziellen Gewinn des DFB aus der WM im eigenen Land. Theo Zwanziger, dessen damaliger Präsident, verschaffte der schon lange gehegten Museumsidee Realität, im April 2009 erhielt Dortmund den Zuschlag als Standort. Die Stadt und der DFB werden das Museum gemeinsam betreiben, an den Baukosten von sechsunddreißig Millionen Euro beteiligt sich fördernd auch das Land Nordrhein-Westfalen.

          Entspanntes Verhältnis zur Kultur

          Nach der Geschichte der Nationalmannschaft, des DFB, des Frauenfußballs und des Spiels in der DDR widmet sich die zweite Ebene der rund siebentausend Quadratmeter umfassenden Ausstellungsfläche den mehr als 25000 Vereinen im Land, im Mittelpunkt stehen dabei naturgemäß die Bundesliga, der nationale Pokal sowie das bisherige Abschneiden in den europäischen Wettbewerben – Seitenblicke etwa auf Taktik und Trainer sowie auf die mediale Ubiquität des Spiels kommen hinzu. Neben einer Schatzkammer mit den Erfolgsinsignien des deutschen Fußballs wird es auch eine Ruhmeshalle geben, in die zu Beginn Fritz Walter, der Kapitän von Bern, sowie die Weltmeistertrainer Sepp Herberger und Helmut Schön Aufnahme finden, weitere Ernennungen folgen etwa im Jahresrhythmus. Die Betriebskosten des Museums wären bei etwa 260000 Besuchern im Jahr gedeckt.

          Seit Peter Handke, Ror Wolf, Ludwig Harig und andere Autoren vom Ende der sechziger Jahre an den Fußball als literarisches Thema entdeckten, seit ihm Maler und Bildhauer wie Markus Lüpertz, Martin Kippenberger oder Tobias Rehberger huldigten, vor allem aber seit der Kritiker und Essayist Karl Heinz Bohrer den genialen Günter Netzer „aus der Tiefe des Raumes“ vorstoßen ließ (F.A.Z. vom 27.Oktober 1973), ist das Verhältnis zwischen Fußball und Kultur entspannter und fortschreitend auch inniger geworden – wobei die Künstler freilich allermeist die Werbenden blieben und bleiben. Dem entspannten Verhältnis verdankt sich jedenfalls unsere heute beginnende Sommerserie. Aus den Tausenden von Exponaten und Deponaten des Deutschen Fußballmuseums haben wir elf Objekte ausgewählt, die allesamt ein feuilletonistischer Mehrwert auszeichnet. In den kommenden elf Wochen werden wir sie vorstellen. Angepfiffen wird jetzt: hier mit einem Stück von Jürgen Kaube über den Elfmeterpunkt des WM-Finales von 1990.

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