https://www.faz.net/-gqz-87fvv

Fußballmuseum: Fundstück 7 : Spieler Beckenbauer wird Kaiser Franz

  • -Aktualisiert am

Im August 1971 kam es zu einer folgenschweren Begegnung: Franz Beckenbauer wurde dank dieses Fotos von Herbert Sündhofer in der Wiener Hofburg zum Kaiser Franz ernannt. Am 11.September feiert der Monarch seinen siebzigsten Geburtstag.

          Am 26. September 1965 feierte Franz Beckenbauer sein Debüt in der Nationalmannschaft. Es war überragend. Dabei hatte der zwanzig Jahre alte Debütant erst sechs Bundesligaspiele hinter sich. Aber was er beim Qualifikationsspiel zur WM 1966 im Råsunda Stadion von Solna zeigte – Deutschland gewann 2:1 gegen Schweden –, verzückte die Beobachter sofort. Einen „damned boy“ etwa hatte ein britischer Reporter auf dem Platz gesehen, einen Teufelskerl. Virtuos, ja beinahe vollkommen wirkte Beckenbauers spielerische Leichtigkeit auch in der Folge, mit seiner lässigen Eleganz überstrahlte er alles und alle. Ihm trauten die Leute zu, mit den Händen in den Hosentaschen besser Fußball zu spielen als zwei oder drei Musterathleten und Laufwunder zusammen. Huldigende Sprachbilder häuften sich. „Gentleman am Ball“ sagten die einen, „Filou auf leisen Sohlen“ die anderen. Für Sepp Herberger war er gar „ein Fußballer von Gottes Gnaden“.

          Zum Kaiser krönte sich Franz Beckenbauer beiläufig selbst – mit fünfundzwanzig Jahren, am 3. August 1971. Austria Wien, Österreichs Rekordmeister, hatte den FC Bayern aus Anlass des sechzigsten Vereinsjubiläums zu einem Freundschaftsspiel geladen. Der Empfang nach dem 4:0-Sieg der Münchner führte die Spieler ins alte Machtzentrum der Monarchie, in die Wiener Hofburg, in der sich die Herrscher der Welt einst getroffen hatten, um Europa nach der Niederlage Napoleons in den Koalitionskriegen neu zu ordnen. Wo der Wiener Kongress zwischen September 1814 und Juni 1815 getagt und getanzt hatte, wandelten Sepp Maier, Paul Breitner, Uli Hoeneß, Gerd Müller und Co. nun auf den Spuren von Österreichs Kaiser Franz I., Zar Alexander I. von Russland oder König Friedrich Wilhelm III. von Preußen. Im Entree der Neuen Hofburg ist Franz Beckenbauer dann auch dem vorletzten Kaiser der Donaumonarchie begegnet: Vor ihm stand, in Stein gemeißelt, Franz Joseph I. auf der Feststiege. Entstanden um 1908, folgte die Büste der Bildhauerin Lona von Zamboni (1876 bis 1945) dem schematisierten Typus der Heldenpose mit Säule und Vorhang zur Glorifizierung des absolutistischen Herrschaftsanspruchs. Franz Josephs berühmter Backenbart sticht ins Auge, die Assoziation zu Joseph Roths Schilderung des „allerhöchsten Kriegsherrn im blütenweißen Feldmarschallsrock“ aus dem Roman „Radetzkymarsch“ drängt sich auf.

          Ein Etikett für Anmut und Souveränität

          Als sich Beckenbauer neben die Porträtplastik stellte, gelang dem österreichischen Fotografen Herbert Sündhofer ein Bild mit musealem Haltbarkeitsdatum. Der junge Beckenbauer, der mit seinem weißen Hemd, den dunklen Haaren, der etwas zu kurz gebundenen Krawatte und dem ganz unglaublich gemusterten Sakko ein wenig an einen Torero erinnert, schaut etwas hochmütig mit verschränkten Armen auf dem Rücken zum habsburgisch-lothringischen Monarchen auf, als wolle er, den Schalk im Nacken, signalisieren: Auch ich, der andere Franz, der mit gerade zwanzig Jahren die Fußballwelt für sich erobert hat, bin zu weiteren großen Aufgaben und Taten bereit. Die Ära Beckenbauer konnte jedenfalls beginnen wie einst die Regentschaft des österreichischen Kaisers, der mit achtzehn Jahren die Nachfolge von Ferdinand I. angetreten hatte und dann achtundsechzig Jahre lang regieren sollte, so lange wie kein anderer Monarch seiner Dynastie.

          Durch diese Aufnahme und ihre mediale Verbreitung war die passende Metapher für den Ausnahmefußballer mit der Aura des Unantastbaren gefunden. Es gab von nun an ein sprachliches Etikett, das die Anmut seines Spiels und die Souveränität seines Auftritts adäquat auf den Punkt brachte: Kaiser Franz.

          Monarch seit 44 Jahren und einem Monat

          Obwohl die „Bild“-Zeitung schon im Sommer 1969 über den „Kaiser von München“ geschrieben hatte, verlieh erst dieser ikonographische Moment der Kaiserkrönung Beckenbauers eine bildliche Gestalt, die in den Köpfen blieb. Als das Foto am 16. August 1971 im „Kicker“ mit der Überschrift „Zwei Kaiser trafen sich in der Hofburg“ veröffentlicht wurde, hatte Franz Beckenbauer einen Beinamen zumindest für die Fußball-Ewigkeit erhalten. Herbert Sündhofers Zwei-Kaiser-Bild hält deshalb nicht nur eine amüsante Episode fest, sondern ist auch zu einer heiteren Allegorie deutscher Fußballgeschichte geworden. Das zwischenzeitlich in Vergessenheit geratene Schwarzweißfoto, das erstaunlicherweise in keiner der vielen Monographien über Beckenbauer zu finden ist, bekommt im Deutschen Fußballmuseum nun naturgemäß einen Ehrenplatz.

          Kaiser Franz im Jahr 2015.

          Lona von Zambonis Büste von Franz Joseph I. steht auch heute noch im Stiegenaufgang der ehemaligen Kaiserresidenz, in der die Zeit der Fürsten und Monarchen allerdings längst vorbei ist. In der Hofburg residiert heute die demokratische Repräsentanz Österreichs: der Bundespräsident, der Minister und die Staatssekretäre des Kanzleramts. Der Fußball hingegen ist immer noch Kaiserreich. Franz Beckenbauer, Jahrhundert-Libero, Weltmeister, Weltmeistertrainer, WM-Gastgeber und medialer Ubiquitär, wird am 11. September siebzig Jahre alt. Kaiser Franz ist er dann seit vierundvierzig Jahren, einem Monat und acht Tagen. Österreich zudem als Wahlheimat: Beckenbauers Domizil in Kitzbühel liegt, wie sollte es anders sein, am Kaiserweg.

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Französische Bereitschaftspolizisten nach einer Farbbeutelattacke der „Gelbwesten“ am 1. Dezember in Paris

          Aufstand in Frankreich : Die gelbe Gefahr

          Der Aufstand der „Gelbwesten“ hat seine Unschuld verloren. Er bildet die sehr französische Variante einer stillen völkischen Revolution, die ganz Europa erfasst hat. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.