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Fußballmuseum: Fundstück 9 : Danke für diese guten Zahlen

War es ausgleichende göttliche Gerechtigkeit, dass Frank Lampards Wembley-Tor nicht zählte? „So’n Glauben habe ich nicht“, sagt Barbara Wilhelmi. Bild: Fußballmuseum

Wo ein Mensch den andern sieht, fällt rettender Regen, und es fallen rettende Tore: So steckte ein Küster seiner Pfarrerin mitten im Gottesdienst das Ergebnis des WM-Achtelfinales 2010.

          3 Min.

          Die Leute gehen in die Kirche, weil sie wissen, wie es ausgeht. Am Ende der Zeiten wird Jesus Christus wiederkehren. Bis dahin kommt es nicht zu sehr darauf an, was im Einzelnen geschieht, weil Gott alle Dinge aufs Ganze gesehen gut eingerichtet hat. Die Christen bringen ihren Dank dafür zu festen Zeiten zum Ausdruck. Singend beschreiben sie ihr ganzes Leben als einen pausenlosen Lobgesang. So beginnt das Lied von Paul Gerhardt, das im Evangelischen Gesangbuch die Nummer 302 trägt: „Du meine Seele, singe, / wohlauf und singe schön / dem, welchem alle Dinge / zu Dienst und Willen stehn. / Ich will den Herren droben / hier preisen auf der Erd; / ich will Ihn herzlich loben, / solang ich leben werd.“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Von diesem Lied, einer Paraphrase des 146. Psalms, sang die Gemeinde, die am 27. Juni 2010 in der Johanneskirche in Bad Nauheim zum Sonntagnachmittagsgottesdienst zusammenkam, die erste, zweite und fünfte Strophe. Die fünfte Strophe preist die Gnade Gottes, die das Böse zum Guten wendet und die Niederlage in einen Sieg verwandelt: „Er weiß viel tausend Weisen, / zu retten aus dem Tod, / ernährt und gibet Speisen / zur Zeit der Hungersnot, / macht schöne rote Wangen / oft bei geringem Mahl; / und die da sind gefangen, / die reißt Er aus der Qual.“

          Außerhalb der liturgischen Ordnung

          Die hölzerne Tafel, auf der mit Steckziffern die für den Gottesdienst ausgewählten Liednummern angeschlagen waren, hat sich in der Gestalt erhalten, in die sie an diesem vierten Sonntag nach Trinitatis gebracht wurde. Sie hält wie eine Fotografie diesen aus dem Kirchenjahr eigentlich gar nicht herausragenden, sozusagen alltäglichen Sonntag fest. In der vierten Zeile stehen rechtsbündig die Ziffern 1 und 4, verbunden durch einen waagerechten Strich. Ein Gottesdienstbesucher weiß diese Angabe zu lesen: Strophe eins bis vier sind zu singen. Nur von welchem Lied? Von Nr. 564, das in der Zeile darüber angekündigt wird? Ist die Strophenangabe versehentlich nach unten gerutscht? Das Lied Nr. 564 des Anhangs für die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, verfasst 1972 von Marlies Flesch-Thebesius nach einer zehn Jahre älteren französischen Vorlage, hat nur eine einzige Strophe, besteht aus zwei kurzen Versen, die zum Abschluss des Gottesdienstes gesungen wurden: „Im Frieden mach uns eins, / schenk uns deine Liebe, Herr!“ Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass die Tafel zur Anzeige eines Sachverhalts außerhalb der liturgischen Ordnung genutzt wurde.

          Allerdings war garantiert, dass die Würde des Gottesdienstes nicht gestört wurde, dass kein hektisches Blättern nach den ersten vier Strophen eines Lieds ohne Nummer einsetzen konnte. Wie in gotischen Münsterbauten wolkennahe Wasserspeier nur für das göttliche Auge bestimmt sind, so war die Liedertafel in der Johanneskirche so angebracht, dass niemand aus der Gemeinde sie sehen konnte, sondern nur die Pfarrerin.

          Ein unvergänglicher Siegerkranz

          Barbara Wilhelmi hatte die erste Halbzeit des um sechzehn Uhr angepfiffenen Achtelfinales der Fußball-Weltmeisterschaft zwischen England und Deutschland noch zu Hause vor dem Fernseher verfolgen können. Als sie in der Halbzeitpause zur Kirche eilte, stand das Spiel zwei zu eins für Deutschland. Ein Fußballfestmahl hatte sie genossen, dessen schönste Leckerbissen natürlich die beiden Tore von Miroslav Klose und Lukas Podolski waren. Doch dann mit dem Glockenschlage fünf brach die Zeit der Hungersnot für die fußballbegeisterte Pfarrerin aus, die ihre Erweckung am 10. November 1965 erlebt hatte, als Borussia Dortmund im Europapokal der Pokalsieger CSKA Sofia mit drei zu null besiegte.

          Während sie am Altar der Live-Bilder aus Südafrika entbehren musste, kam ihr der Küster, wie es seines Amtes ist, zu Hilfe, um ihr die rettenden Speisen hereinzureichen, die Nachrichten von den beiden Treffern von Thomas Müller. Die alte manuelle, wie in den Stadien durch eine modernere Anlage ersetzte Anzeigetafel hing der Küster im rückwärtigen Kirchenraum auf, wo er sie unbemerkt aktualisieren konnte. Als die Pfarrerin zur Predigt schritt, stand es drei zu eins. Sie hatte über einen Text aus dem Römerbrief zu predigen und erwähnte als Beispiel den Zusammenhalt, den eine Fußballmannschaft aus überwundenem Streit gewinnt. Nach ihrer Erfahrung eignen sich die Paulusbriefe besonders gut für Predigten zu Fußballthemen, da der Apostel selbst Sportvergleiche verwendet, wenn er etwa den Korinthern einen unvergänglichen Siegerkranz in Aussicht stellt.

          Die Gemeinde sang das Lied Nr. 630 des hessisch-nassauischen Anhangs, von Hans-Jürgen Netz ein Jahr nach der ersten WM in Deutschland gedichtet, dessen zweite Strophe lautet: „Wo ein Mensch den andern sieht, / nicht nur sich und seine Welt / fällt ein Tropfen von dem Regen, / der aus Wüsten Gärten macht.“ Wo ein Mensch den anderen sieht, fällt manchmal auch ein Tor. So in Bloemfontein in der 70. Minute: Özil flankt, Müller schießt, vier zu eins. Die Abkündigungen, die für Veranstaltungshinweise vorgesehene Stelle im Ablauf des Gottesdienstes, nutzte Barbara Wilhelmi dann, um auch den Spielstand abzukündigen. Die Johanneskirche wurde 1899 für englische Kurgäste gebaut und wird in Bad Nauheim heute noch die Englische Kirche genannt. 1960 übergaben sie die Anglikaner an die Landeskirche. So musste Barbara Wilhelmi das Gebot „Don’t mention the score!“ nicht befolgen.

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