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Fußballmuseum: Fundstück 11 : Die Skandale des Fortschritts

London, Crouch End, 23. März 1895: Szene vom ersten regelkonformen Frauenfußballspiel der Geschichte Bild: Deutsches Fußballmuseum

Im März 1895 fand in London das erste Frauenfußballspiel statt. Zugleich lief der Unzucht-Prozess gegen Oscar Wilde auf dessen Verurteilung zu. Dramatisch verbunden sind die Ereignisse durch Florence Dixie, die Präsidentin der Fußballfrauen.

          Die Illustration der fußballspielenden Mädchen und jungen Frauen könnte einem Kinderbuch entstammen, zeigt sie auf den ersten Blick doch vor allem eine muntere Tollerei auf der grünen Wiese. Am rechten Rand deuten Pfosten und Latte ein Tor an, ganz links fliegt das braune Leder so eben noch über die Köpfe der Spielerinnen hinweg, gleich wird es verschwunden sein. Dass der Ball mit Wucht getreten wurde, wird aus der dynamisch eingefangenen Bewegung des Mädchens am rechten Bildrand ersichtlich, das offenbar gerade im Vollspann einen befreienden Schlag aus der Abwehr heraus bewerkstelligt hat. Das Harmlose, ja Niedliche der Szene wird von den Kopfbedeckungen unterstrichen, die außer dem schwarzhaarigen Mädchen im Vordergrund alle Beteiligten tragen: Sind das nicht Zipfelmützen?

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Der zweite Blick ist weniger idyllisch. Kahl, fast abweisend stehen die Bäume im Bild. Davor hat sich eine stattliche Menschenmenge aufgebaut, deren statische Choreographie sich an der Begrenzung des Spielfelds orientiert - in Elias Canettis Begrifflichkeit aus „Masse und Macht“ eindeutig eine Erwartungsmeute, die Spektakel, Sensation, ja Skandal wittert und der deshalb nicht zu trauen ist: Bleibt sie passiv wie jetzt, oder wird sie sich in Bewegung setzen - und, wenn ja, wohin oder gegen wen wird sie sich wenden? An ihrer Spitze stehen zwei Schutzleute in Uniform, die allerdings nicht die Zuschauer beobachten, sondern die Spielerinnen. Geht auf dem Platz Obrigkeits- und Ordnungswidriges vor?

          Was wir sehen, ist das einzige Bild, das es vom allerersten Frauenfußballspiel nach ordentlichen Regeln gibt. Es fand am 23. März 1895, einem Samstag, auf dem Sportplatz des Stadtteils Crouch End im Norden von London statt. Ausgerichtet wurde es vom British Ladies’ Football Club, der erst seit Jahresbeginn bestand, um die dreißig Mitglieder zwischen fünfzehn und 26 Jahren zählte und bei der öffentlichen Premiere gegen sich selbst antrat. Aus dem Kader, der zweimal in der Woche unter der Anleitung eines Mannes, des Mittelläufers Bill Julian von Tottenham Hotspur, trainiert hatte, stellte Mary Hutson, die sich Nettie Honeyball nannte und zugleich Managerin und Spielführerin war, zwei Mannschaften zusammen - „North“ und „South“ -, die nun nach den 1863 erstmals kodifizierten und inzwischen fortentwickelten Regeln der englischen FA, der Football Association, gegeneinander antraten.

          Zwei Ausnahmen von den frühen Regeln, die bereits elf Mitglieder pro Team, eine Halbzeitpause und (vor allem) das Verbot des Handspiels für Feldspieler vorsahen, genehmigte Nettie Honeyball den beiden Mannschaften ihres Klubs: Der Ball war etwas leichter und kleiner als bei den Männern, zudem betrug die Spielzeit nicht neunzig, sondern sechzig Minuten. Emanzipiert war die Kleidung der spätviktorianischen Spielerinnen: Sie mussten (und sollten) keine Korsetts tragen, ihre Stiefel kannten keine hohen Absätze - und dem Schutz der Frisur dienten eben nicht Zipfelmützen, sondern Fischerkappen, was zu einer zusätzlichen Regel führte: Verrutschte, etwa nach einem Kopfball, die Kappe oder ging im Getümmel zu Boden, wurde das Spiel unterbrochen, bis Haarnadeln und Kopfbedeckung wieder gerichtet waren.

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