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Fußballmuseum: Fundstück 10 : Man soll keine Pfunde auf die Goldwaage legen

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Personenwaage von Borussia Mönchengladbach, zu Anfang der achtziger Jahre vor allem wegen Wolfram Wuttke angeschafft (Leihgeber Michael Lang, Lothar Röhnisch / Sammlung Charly Stock) Bild: Deutsches Fußballmuseum

Wolfram Wuttke, im vergangenen Frühjahr mit 53 Jahren gestorben, war eines der größten Talente des deutschen Fußballs, aber auch eines seiner größten Sorgenkinder. Seiner Gewichtsprobleme wegen schaffte Gladbach eigens eine Waage an.

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          „So dick ist Ailton wirklich“: Eine solche Schlagzeile suggeriert etwas Ungeheuerliches, einen Menschen, dessen Umfang und Gewicht jedes menschliche Maß übersteigen und folglich anders zu messen sind - ein Fall fürs Kuriositätenkabinett, für die freak show. Die Zeitung „Sport-Bild“ meinte damit im Sommer 2007 aber nur den brasilianischen Stürmer Ailton, den vorerst und womöglich für alle Zeiten Letzten seiner Art: nämlich den etwas (Betonung auf „etwas“) fülligeren Fußballer. Diese Spezies gilt heute als so gut wie ausgestorben. Nur deswegen können es sich die Vereine und deren Ausrüster erlauben, ihre Spieler in immer engere Trikots zu stecken, die ja sonst aussähen wie Wurstpellen oder Ganzkörperkondome.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Ailton brachte zum Zeitpunkt der Berichterstattung 82 Kilogramm auf die Waage, das ist bei einer Körpergröße von 1,78 Meter praktisch Normalgewicht; danach, beim Durchgereichtwerden bis hin zur 6. Liga inklusive Zwischenstopp im Fernsehen („Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!“), dürften noch einige Pfunde dazugekommen sein; heute wiegt er angeblich 74 Kilogramm. In der Saison 2003/2004 gewann er mit Werder Bremen die Meisterschaft sowie den DFB-Pokal und wurde mit 28 Treffern Torschützenkönig der Bundesliga - es wurden auch schon Schützen mit siebzehn Toren König, der historische Durchschnitt liegt bei knapp 25. Ailton ist also nicht nur gewichtsmäßig überdurchschnittlich. Größer als er ist nur noch ein anderer Dicker: „kleines, dickes Müller“, der beste Stürmer, den Deutschland je hatte. Gerd Müller.

          Aufregung ums Gewicht

          Als der Trainer Zlatko „Čik“ Čajkovski seiner zum ersten Mal ansichtig wurde, soll er gesagt haben: „Was soll isch mit dieses Junge, diese Figur - unmöglich.“ Wobei Müller an sich gar nicht zur Korpulenz neigte, es waren vor allem seine sagenhaft muskulösen Beine, die diesen unglaublichen Umfang hatten, aber wahrscheinlich kein Gramm Fett. Und selbst wenn - niemand hätte sich daran gestört, niemandes ästhetisches Empfinden hätte Einbußen erleiden müssen; das Trikot-hochreißen beim Torjubel kam ja erst später.

          Wozu also die ganze Aufregung ums Gewicht? Vergleichbare gab es vor Ailton nur noch um Wolfram Wuttke, der im vergangenen März im Alter von 53 Jahren gestorben ist. Das Gewicht war beileibe nicht sein einziges Problem, aber es war noch am zuverlässigsten zu kontrollieren. Dass Borussia Mönchengladbach, wo er von 1980 bis 1982 spielte, die vor allem von ihm strapazierte Personenwaage als Instrument dieser Sonderbewachung ans Deutsche Fußballmuseum gab, deutet immerhin wie sehr zumindest den auch damals schon bei anhaltendem Misserfolg gefeuerten Trainern daran gelegen war, dass ihre Spieler sich in akzeptabler Form präsentierten. Jupp Heynckes, auch sonst kein Freund von laissez-faire, brummte ihm damals eine Geldstrafe für die Mannschaftskasse auf: pro Gramm zu viel eine D-Mark. Wuttke wog ein Pfund mehr als erlaubt, zahlte aber eintausend Mark - vorsorglich für weitere Gewichtszunahmen.

          Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass es ein sogenanntes Normal- oder gar Idealgewicht nicht gibt, jedenfalls nicht in dem Sinne, der dem Auge am angenehmsten ist. Man weiß, dass man mit ein paar Pfund mehr länger lebt und während dieses Lebens weniger anfällig für Krankheiten ist. Könnte man das nicht auch im Fußball bedenken? Wahrscheinlich nicht. Sobald ein Spieler langsamer wird, steht er schon zur Disposition, wie zuletzt bei Bastian Schweinsteiger zu sehen war, dessen Figur allerdings über jeden Zweifel erhaben ist. Erst wenn sich das Spiel wieder ändert, sich vielleicht verlangsamt, weg vom Hochgeschwindigkeitsrasenschach, hin oder zurück zu dem „Standfußball“, den Rudi Völler in seiner legendären Nationaltrainerwutrede (der Generation von) Günter Netzer attestiert hat, besteht Hoffnung, dass auch die Fülligeren wieder eine Chance bekommen, zu denen übrigens auch Netzer einst zählte.

          Arroganz des Schlampigen

          Müller mit seinen dicken Beinen und Netzer mit seinen langen Haaren: Das waren prägende Eindrücke für jemanden, der zwischen 1972 und 1974 anfing, Fußball zu schauen - merkwürdig und erfreulich, dass auch zwei Spieler mit solchen Auffälligkeiten so gut und wichtig waren; man hatte jedenfalls nicht das Gefühl, dass etwas nicht stimmte.

          Sorgenkind Wuttke (Mitte) beim olympischen Fußballturnier 1988, bei dem die deutsche Auswahl die Bronze-Medaille gewann

          Netzer hatte auch in den Situationen, in denen ihm die Haare störend im Gesicht hingen, keinen richtigen Durchblick nötig, sondern verließ sich mit der Arroganz des Schlampigen auf sein technisches und taktisches Genie; und Müller verfügte über eine Wendigkeit, die ihn in die Lage versetzte, sich in jedem Moment blitzschnell um die halbe eigene Achse zu drehen, und die ihm selbst ein Askese-Prediger wie Felix Magath mit noch so viel Medizinbällen nie und nimmer hätte antrainieren können. Und andererseits: Haben Thomas Müllers spektakulär unmuskulöse Beine ihn je an etwas gehindert? Schließlich: Maradona war auch nicht gerade dünn.

          Es kommt auf etwas anderes an: Talent, Inspiration, erst dann die Fitness, die nicht allein am Gewicht hängt. Die ganze Kilofuchserei mag auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen, aber das denken die Leute beim Body-Mass-Index auch. Sie gehört in eine Zeit, der Werte und Daten heilig sind. Maradona hätte sie, sollte man ihn je auf eine Waage genötigt haben, mit Gottes Hand, an der Wurstfinger ja auch niemanden stören würden, einfach beiseitegewischt.

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