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Fußballmuseum: Fundstück 1 : Der römische Elfmeterpunkt des WM-Finales von 1990

Erfunden wurde der Elfmeter im Jahr 1890 - ausgerechnet von einem Torwart, dem Nordiren William McCrum. Das hat seine Geschichte bis heute geprägt. Für den deutschen Fußball schlug die Stunde dieser Erfindung im Sommer 1990 in Rom.

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          Es gibt keine Angst des Torwarts beim Elfmeter. Goycochea jedenfalls hatte keine. Warum auch? Im Elfmeterschießen gegen Jugoslawien und gegen Italien hatte er jeweils zweimal gehalten. Und zwar beide Male die Schüsse der Schützen vier und fünf. Man durfte sich Sergio Goycochea aus Argentinien als jemanden vorstellen, der nichts gegen Duelle hat.

          Dieses fand statt genau hundert Jahre, nachdem der Elfmeter erfunden worden war. Den allerersten Elfmeter schoss ein Spieler des schottischen Airdrieonians FC im Jahr 1891. Es ist nicht überliefert, ob er traf. Im nordirischen Milford hatte ein Jahr zuvor der Torhüter William McCrum vorgeschlagen, das regelwidrige Vereiteln eindeutiger Chancen mit Strafstoß zu ahnden. Beispielsweise sei es nicht fair, war bis dahin aber üblich, ein Handspiel auf der Torlinie mit einem indirekten Freistoß zu bestrafen. Man fragt sich ohnehin, wie solch ein Freistoß ausgeführt wurde und wo die Mauer stand.

          Wie ein Kunstwerk der Arte povera

          Trotzdem fanden die Funktionäre, wie man jetzt in Ben Lyttletons Buch „Elfmeter – Die Kunst des perfekten Strafstoßes“ (Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2015) nachlesen kann, den Einfall zu theatralisch. Er passe zu McCrums Hobby, der Amateurschauspielerei. Elfmeter? Typische Torhütererfindung, um sich in Szene zu setzen.

          Kurz darauf kam die neue Regel trotzdem. Zunächst bezogen sich dabei die elf Meter (zwölf Yards) auf eine Zone, innerhalb deren Vergehen zum Strafstoß führen sollten. Man zog in dieser Höhe zwei Linien quer übers Feld, der Strafstoß konnte ganz nach Belieben von einer Stelle auf diesen Linien ausgeführt werden. Wenig später wurde aus ihnen ein Punkt.

          Von ihm aus schoss Andreas Brehme am 8.Juli 1990 im Olympiastadion von Rom, es war 21 Uhr 40, Deutschland zum Weltmeistertitel. „Es roch nach Gras und Kreide“, soll er später den poetischen Moment am heute wie ein Kunstwerk der Arte povera aussehenden Punkt beschrieben haben. Vorangegangen war eine „Konzessionsentscheidung“, wie damals Gerd Rubenbauer und Karl-Heinz Rummenigge in ihrem Fernsehkommentar meinten. Rubenbauer korrigierte sich aber gleich: Es war ein Geschenk.

          56 Elfmeter bei nur 24 Mannschaften

          Gemacht hatte es den Deutschen in der 85.Minute nach einem Rempler des argentinischen Innenverteidigers Sensini gegen Rudi Völler der mexikanische Schiedsrichter Edgardo Codesal. Lyttleton kolportiert Gerüchte, wonach Codesal, dessen Schwiegervater in der Kommission saß, die damals zu befinden hatte, wer das Endspiel pfeifen sollte, trotz argentinischer Vorfahren für die Deutschen voreingenommen war. Er habe den Job überhaupt nur bekommen, um im Auftrag João Havelanges, des brasilianischen Fifa-Präsidenten, zu verhindern, dass Maradona noch einmal Weltmeister würde. Codesals Replik darauf ist nicht ohne: „Wenn Maradona ein Tor mit der Hand erzielt, nennen sie es Cleverness, aber wenn sie verlieren, dann liegt es daran, dass jemand sie beraubt hat.“

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          Der Grund dafür, dass Argentinien damals verlor, war ein anderer. Nie zuvor und nie danach hat es bei einer Weltmeisterschaft so viele Elfmeter gegeben, und das, obwohl damals nur 24 Mannschaften teilnahmen. Insgesamt sind 1990 in Italien 56 Elfmeter geschossen worden. Irland schlug im Achtelfinale Rumänien im Elfmeterschießen, genauso wie Argentinien Jugoslawien im Viertelfinale. Von den fünf Toren im Viertelfinale zwischen Kamerun und England waren drei Foulelfmeter. Beide Halbfinals: Elfmeterschießen. Der letzte Treffer, den Deutschland aus dem Spiel heraus erzielte, war Brehmes 2:0 gegen Holland im Achtelfinale! Danach in dreihundert Minuten nur noch Elfmeter und ein Freistoß (ebenfalls Brehme).

          Mit der Emotion eines Sachbearbeiters

          Mit anderen Worten: Der Spielstil war robust – worüber die deutschen Spieler durch Kosenamen wie Litti, Andy, Hansi, Andy, Rudi, Kalle und Andi zu täuschen suchten. Unter den Spitzenteams wurde nicht viel riskiert. Deutschland aber – „die einzige Mannschaft, die keinen Ball braucht, um den Gegner zu verwirren“ (Jorge Valdano) – hat bei Welt- und Europameisterschaften insgesamt 26 von 28 Elfmetern verwandelt – 93 Prozent. Das nächstbeste Team, Frankreich, kommt auf achtzig Prozent, die Engländer verschießen einen von drei Elfmetern.

          Insofern musste die Rekordelfmeter-WM schon aus logischen Gründen von Deutschland gewonnen werden. Dass geschichtsphilosophische Gründe hinzukamen, ist klar: Es war „die Mannschaft des wiedervereinigten Deutschlands“ (Jürgen Klinsmann), deren am weitesten östlich lebendes Mitglied, Ersatztorwart Köpcke, allerdings in Nürnberg spielte.

          Noch etwas kam hinzu: die Nichtangst des Schützen beim Elfmeter. Andreas „Andi“ Brehme versorgte den Ball mit der Emotion eines Sachbearbeiters und zwar an genau derselben Stelle, an die er ihn auch schon im Halbfinale gegen England geschossen hatte. Warum abweichen, wenn es richtig war, was man tat? Brehme schaute Goycochea auch gar nicht an. Warum? Weil es nichts zur Sache tat. Goycochea hatte die richtige Ecke gewusst und war zur Stelle. Aber auch das tat eben nichts zur Sache.

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