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Fußballmuseum: Fundstück 3 : In Löws Pullover war die Zukunft eingestrickt

Green-Point-Stadion in Kapstadt am 3. Juli 2010: Joachim Löws streng abschätzender Blick auf Argentiniens damaligen Teamchef Maradona stellt klar: Deutschland wird 4:0 gewinnen. Und der blaue Sweater demonstriert die lässige Überlegenheit. Bild: AFP

Blau wie ein Sommerabend im Schwarzwald: Auch mit seinem Kaschmir-Sweater setzte der Bundestrainer bei der WM 2010 in Südafrika ein stilsicheres Zeichen. Jetzt ist der Pulli im Museum gelandet: Bitte nicht berühren!

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          Ein Pullover ist ein Pullover ist ein Pullover. Auch wenn er aus Kaschmir ist, in einem warmen Blau, ziemlich genau dem Blau des sehr südlichen Himmels an manchen Sommerabenden im Schwarzwald. Ein Pullover wird erst zu einem Stück Geschichte mit dem Menschen, der ihn getragen hat. Den muss sich jeder für sich selbst dazudenken, der das Deutsche Fußballmuseum in Dortmund von Ende Oktober an besuchen wird. Und dann kann die Weltmeisterschaft in Südafrika wieder lebendig vor Augen treten, als die deutsche Nationalmannschaft auf den dritten Platz kam, nach einem 0:1 gegen starke Spanier im Halbfinale, aber dann einem erkämpften 3:2 gegen Uruguay. Den für ihn zweifellos heimatlich-wie-ein-Abend-im-durchsonnten-Breisgau-blauen V-Ausschnitt-Pullover trug dabei der Bundestrainer Joachim Löw – für die Annalen: bei den vorherigen Siegen gegen Australien und Ghana, gegen England und Argentinien ebenso wie bei der Niederlage gegen Spanien.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Dieses Exemplar des übrigens in Serie produzierten Sweaters wurde teuer. Die Galleria Kaufhof GmbH ersteigerte ihn nach dem Turnier von 2010 für eine Million Euro zugunsten der Aktion „Ein Herz für Kinder“ und hat ihn nun dem Museum als Dauerleihgabe überlassen. Der Preis ist einsame Spitze. Zwar wurden immer wieder Trikots von Fußballheroen – gewissermaßen wie Berührungsreliquien – für viel Geld verkauft, angeführt vom Hemd mit der Nummer 10, das Pelé 1970 beim WM-Finale im Aztekenstadion von Mexiko City trug; Brasilien gewann damals 4:1 gegen Italien. Das Trikot kostete 2002 in einer Londoner Auktion 140.000 Pfund, der Käufer ist unbekannt. Bekannt ist, dass der Italiener Roberto Rosato es nach dem Finale mit Pelé getauscht hatte. „Matchworn“ heißt das Zauberwort (das wir mal lieber nicht mit „ungewaschen“ übersetzen wollen). Aber bisher hatte nie das Oberteil eines Trainers irgendwelches Interesse geweckt, ebensowenig wie der Trainingsanzug, den der unglaublich sympathische Vicente del Bosque, der mit seinen Spaniern 2010 Weltmeister und 2012 Europameister wurde, 2014 in Brasilien trug, als er gegen Chile in der Vorrunde so schmerzlich ausschied.

          Also muss etwas Besonderes dran sein an Joachim Löws gewiss reinem Pullover, hätte er ihn doch garantiert niemals ungewaschen aus der Hand gegeben. Zumal die fußballversessene deutsche Nation dem spröden Mann aus Schönau lange Zeit skeptisch gegenüberstand. Ob dieser babykaschmirsanfte Fetisch künftig im Museum eine Art leiser Abbitte ist? Die anerkennende Verbeugung vor einem, der das, was (fast) alle für unmöglich gehalten hatten, mit seinen Spielern wahrmachte? Diesen Sieg ohne jedes Auftrumpfen vor einem Jahr, den selbst die untröstlich in der Heimat mit 7:1 geschlagenen Brasilianer der deutschen Mannschaft gönnten. Was nicht zuletzt das Verdienst des Trainers ist, der mit ihr dann auch das Finale gewann.

          Da hilft, wir bitten um Verständnis, ein wenig strukturalistische Theorie – und die schöne Übung des FuturII, die auch antizipierte Nachträglichkeit heißt. Sie bedeutet nichts anderes, als dass den feinen Ziegenhaaren die Möglichkeit einer Zukunft eingestrickt war. Der Pullover ist dann ein Sinnbild, ein Symbol für etwas, das erst noch gewesen sein wird. Denn was hätte das Teil jetzt im Museum zu suchen, wenn es nicht die Materialisierung eines Versprechens wäre? Das der WM-Sieg 2014 in Brasilien eingelöst hat. Wo der Pullover gar nicht mehr dabei war. Allerdings der, der ihn damals in Südafrika anhatte, schon: der Bundestrainer.

          Nun ist Fußball, bei allem notwendigen physischen Einsatz (oder grade deswegen), ein eminent ästhetisches Spiel, das klaren Regeln gehorcht und deren Einhaltung erzwingt. „Es ist der falsche Ansatz zu sagen, wir müssen zurück zu alten deutschen Tugenden ,Laufen und Kämpfen‘“, hat Löw einmal gesagt, schon 2006, da war er grade erst Bundestrainer geworden. Auch das ist ein Wink in Richtung Schönheit und Stil. Löw selbst verkörpert diese Haltung, keinesfalls zufällig, in seinem Erscheinungsbild, damit auch in der Wahl seiner Kleidung.

          Zweifellos setzt Stil – und vor allem die Fähigkeit, mit ihm flexibel umzugehen – Geist voraus (was natürlich nicht zwingend heißt, dass alle schlecht gekleideten Fußballtrainer geistlos sind). Löw besitzt offensichtlich einen ziemlich scharfen Intellekt; ihm unterläuft (fast) nichts. So variiert er seinen durchaus modischen Kleidungsstil überlegt – wie eben auch die Aufstellung und das Spiel seiner Mannschaft. Über die anthropologische Funktion der Mode hat Roland Barthes geschrieben, sie verbinde „das Intelligible, ohne dass die Menschen nicht leben könnten, mit der Unvorhersehbarkeit, die man dem Mythos des Lebens beilegt“. Dass hätte der französische Philosoph auch über den Fußball sagen können. Und voilà, einen blauen Pullover am Spielfeldrand.

          Und was ist jetzt mit dem dunkelgrauen Hemd vom Endspiel 2014? Das war nie ein Versprechen. Und reif für die Musealisierung ist es so wenig wie der Mann, der es am 13. Juli 2014 im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro getragen hat. Für den weichen Pullover des Trainers gilt derweil, wie in allen Museen der Welt: Bitte nicht berühren.

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