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Fußballer Xavi : Das demütige Genie

Xavi in Aktion Bild: Kat Menschik

Wenn Xavier Hernández i Creus auf dem Fußballplatz aufräumt, entsteht nicht nur Ordnung, sondern Sinn und Schönheit. Über die Poesie seiner Laufwege.

          Ganz unten, in der äußersten Ecke des Stadions, wo die Haupttribüne in die Kurve übergeht, sitzt eine Gruppe von mehr als hundert Kindern in Fußballtrikots, gerahmt von stolzen Eltern. In Zehnergruppen klettern sie über die Bande, jeder einen Ball in der Hand. Sie laufen bis zu dem Punkt, an dem die Auslinie die Strafraumlinie berührt, dann spielen sie den Ball zu einem Mann in Jeans und gestreiftem Poloshirt, der auf Höhe des Elfmeterpunkts steht. Lässig stoppt er ihn, mehr als hundert Mal, ohne dass der Ball auch nur einen Zentimeter verspränge; ein Kind nach dem anderen läuft auf ihn zu, er lächelt, schüttelt jedem Kind die Hand und überreicht eine Urkunde. Ein Fotograf drückt auf den Auslöser. Mehr als hundert Mal.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Gut siebzehn Stunden zuvor hat Xavier Hernández i Creus, genannt: Xavi, noch auf diesem Rasen gespielt, im Camp Nou in Barcelona. Der FC Barcelona hat knapp gegen den FC Valencia gewonnen, nicht zuletzt deshalb, weil zur zweiten Halbzeit der angeschlagene Xavi gekommen war und jene Ordnung ins Spiel gebracht hatte, die vorher so vermisst worden war. Innerhalb von 16 Minuten hatte er durch zwei Torvorlagen das Spiel gedreht. Am Ende hieß es 2:1, und Xavi hatte seine Aufgabe mit derselben Geduld, Klarheit und unaufdringlichen Präsenz erledigt, wie er jetzt für die Kinder aus seiner Fußballschule, dem „Campus Xavi“, da ist.

          Es wird aufgeräumt

          Man hat Xavi, 31, das Hirn, den Kopf, das Herz, die Seele, den Motor des Spiels des FC Barcelona wie der spanischen Nationalmannschaft genannt - lauter organische und mechanische Metaphern, die alle etwas treffen, aber nicht ausreichen. Xavi, das ist der Name für die Ordnung des Spiels, für Ordnung, die einen Sinn stiftet, der über sie hinausweist.

          Ordnung im Fußball ist ja ein fragiles, äußerst störanfälliges Gebilde, eine Konstellation, die nicht da ist und dann bleibt, wie sie auf der Taktiktafel konzipiert wurde; sie muss sich immer wieder situativ herstellen, weshalb Spieler oder Trainer nach dem Spiel oft sagen: „Wir haben die Ordnung verloren.“ Es gibt in dieser Ordnung die „Abräumer“, die das Spiel des Gegners „zerstören“, Bälle erobern, Räume versperren, Zweikämpfe aufnehmen sollen; eine Aufgabe, die sich in den Visionen des modernen Fußballs nahtlos in eine Vorwärtsbewegung verwandelt: Aus „Zerstörung“ geht „Ordnung“ hervor. Man könnte auch sagen: Es wird aufgeräumt, indem das eigene Spiel aufgebaut wird, und es wird in demselben Prozess nach Möglichkeit Chaos erzeugt: beim Gegner, dessen Ordnung ausgehebelt werden soll.

          Xavis Reise durch Raum und Zeit des Champions-League-Finales 2011

          Genau da kommt Xavi ins Spiel, bei dem alle Fäden zusammenlaufen, was noch so eine ungenaue Metapher ist, weil sie zu statisch bleibt, weil einer wie Xavi nicht in der Rolle eines unbewegten Bewegers verharrt, sondern durch seine Bewegung mit und ohne Ball die Ordnung des Spiels herzustellen versucht. Aus den computergenerierten Heatmaps, welche die Aufenthaltsdauer eines Spielers in bestimmten Spiefeldbereichen dokumentieren, entsteht bei Xavi eher der Eindruck einer Omnipräsenz zwischen den Strafräumen.

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