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Fußball in Nöten : Der Ball heiligt die Mittel

Nur Sport, sonst nichts? Bild: dpa

Ausgerechnet der Nationalelf soll jetzt zugemutet werden, durch Äußerungen zur Lage in der Ukraine den Sport als lupenreine demokratische Veranstaltung zu erweisen? Das ist absurd angesichts der Ermüdungserscheinungen des Fußballsystems.

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          Die Diskussion über einen Boykott der Fußball-Europameisterschaft 2012, die vom 8. Juni an in Polen und der Ukraine stattfinden soll, wird immer absurder. Und zwar deshalb, weil sowohl diejenigen, die einen solchen Boykott empfehlen, wie diejenigen, die Boykotte als „so sinn- wie erfolglos“ (IOC-Vize Thomas Bach) zurückweisen, die Öffentlichkeit für dumm verkaufen.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Auslöser ist der Umgang ukrainischer Behörden mit der wegen Korruption inhaftierten, kranken und im Hungerstreik befindlichen Oppositionsführerin Julija Timoschenko, die eigenen Angaben zufolge in Haft auch misshandelt worden sein soll. Ob das so ist, bleibt einstweilen so unklar wie die rechtsstaatliche Beurteilung der Taten, die Timoschenko zur Last gelegt werden. Es führte jedoch - zusammen mit dem unabweisbaren, aber von Timoschenkos Fall unabhängigen Eindruck mangelnder Rechtsstaatlichkeit der Ukraine - einzelne Politiker dazu, die Verlegung der für die Ukraine geplanten Spiele nach Polen, Österreich oder Deutschland zu fordern.

          Boykott oder gar Verlegung?

          Zuvor hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), laut Berichten, einen Politikerboykott insofern erwogen, als sie ihren Ministern angeblich empfehlen wolle, den EM-Spielen fernzubleiben. SPD-Chef Sigmar Gabriel verlangte dasselbe von allen Politikern, wenn die Ukraine im Fall Timoschenko nicht einlenke. Der für Sport zuständige Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hat seinen Besuch beim Spiel zwischen Deutschland und den Niederlanden in Charkow bereits davon abhängig gemacht, zuvor die in derselben Stadt inhaftierte Timoschenko sehen und sprechen zu können.

          DFB-Präsident zur EM : „Kein sportlicher Boykott“

          Man schlägt also entweder völlig aussichtslose Maßnahmen wie eine binnen vier Wochen stattfindende Verlegung dieser Weltmassenveranstaltung vor. Oder man hält es für eine symbolkräftige Demonstration für Menschenrechte, wenn, sagen wir: Wirtschafts- oder Umweltminister Fußballspielen fernbleiben. Bis vor kurzem war es kaum eine Nachricht - und wenn, dann eine vor allem für den Steuerzahler -, wenn sie kamen. Sind denn mitfiebernde oder gar in Umkleidekabinen drängende Kanzlerinnen mit Entourage eine politische Information?

          Immer schön die Hände frei halten

          Genau so widersinnig sind allerdings die Mitteilungen mancher Sportfunktionäre, der Sport sei „politisch neutral“ (Thomas Bach), mit Absagen habe man „in der Vergangenheit bei anderen Ereignissen überhaupt nichts erreicht“ (Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger) oder die Menschen in der Ukraine hätten „die Europameisterschaft verdient“ (DFB-Präsident Wolfgang Niersbach). Rückfrage: Wie kann der Sport denn politisch neutral sein, wenn er zugleich nach Auskunft derselben Funktionäre angeblich ein „Aushängeschild des Landes“, völkerverbindend (die WM in Japan und Südkorea wurde so begründet) entwicklungsfördernd (Südafrika!) oder auf lange Sicht freiheitsanregend (die Olympischen Spiele in Peking) ist?

          Das Spielgeschehen selbst im Fußball ist, sieht man von Verdachtsmomenten wie denen gegen Schiedsrichter damals bei den Spielen in Südkorea ab, gewiss unpolitisch. Doch wer das soeben erschienene Buch des Journalisten Thomas Kistner über den Weltfußballverband liest (“Fifa-Mafia“. Die schmutzigen Geschäfte mit dem Weltfußball, Verlag Droemer, München 2012), kann über die Neutralität der Sportverbände nur bitter lachen. Wenn auch nur die Hälfte der von Kistner aufgebotenen Informationen über die Vergabe von Weltmeisterschaften, die Netzwerkfreundschaften zwischen Sportartikelherstellern und Fußballverbänden, die Verteilung der horrenden Erlöse aus solchen Turnieren und die Organisationspraktiken der Fifa zuträfe - dann hieße „Neutralität“ im Einflussbereich von Sepp Blatter und Michel Platini allenfalls: Wir halten uns die offenen Hände in alle Richtungen frei.

          Erfolge innerhalb eines Tauschsystems

          Diktaturen und autoritäre Regime waren im Weltfußball noch nie ein Problem. Die zweite EM fand im Spanien Francos statt, die fünfte im Jugoslawien Titos. Legendär neutral war die WM 1978 im Terrorregime Argentiniens, wo der deutsche Kapitän Berti Vogts „keinen einzigen politischen Gefangenen“ gesehen hatte, in dem Land herrsche Ordnung. Kistner kann ganze Kapitel mit den freundlichen Beziehungen zwischen Spitzenfunktionären des Fußballs und halbkriminellen politischen Elementen füllen. Waffenhandel, Korruption, Nepotismus, Stimmenkauf, Umgehung von Gerichten - seit der Präsidentschaft der Herren Havelange und Blatter bei der Fifa fehlt im Weltfußball keine Form organisierter Neutralität.

          Der europäische Fußballverband, die Uefa, war Kistners Darstellung zufolge lange eine Art Gegenspieler dieser Praxis, aus der Popularität des Spiels die Lizenz wie die Ressourcen - der Ball heiligt die Mittel - für jede Art von Geschäft zu ziehen.

          Doch mit Michel Platini, dem einstigen französischen Mittelfeld-Ass, sieht Kistner auch in Europa ein Mitglied des engsten Blatter-Netzwerks am langen Hebel. Aufstieg nach ganz oben ist in den Dachverbänden des Fußballs, das kann er an vielen Beispielen belegen, seit Havelange und Blatter am besten für den möglich, der sich zu jeder Art von Nachsicht gegenüber einem tauschförmigen Leben zwischen Politik, Wirtschaft und Sport bereit sieht. Auch der gegenwärtige Präsident des ukrainischen Fußballverbandes, Grigorij Surkis, hat schon einmal eine Schiedsrichterbestechung zugunsten von Dynamo Kiew versucht und sitzt trotzdem im Exekutiv-Komitee der Uefa. Platini selbst will Fifa-Boss werden, also, legt Kistners Darstellung nahe, entwickeln sich die entsprechenden Persönlichkeitsmerkmale besonders gut.

          Eine Aufgabe der Spieler?

          Selbst wenn sich die 2009 aufgekommenen Vorwürfe, auch zur überraschenden Vergabe der EM 2012 an Polen und die Ukraine - Letztere galt als nicht ausrichtungsreif - sei es aufgrund von Machenschaften gekommen, im Sand verlaufen haben: So zu tun, als hätten Uefa und Fifa und IOC und überhaupt alle maßgeblichen Kräfte im Weltsport seit Jahrzehnten die desillusionierende Erfahrung zu verarbeiten, dass Boykottversuche und standhaftes Auftreten gegenüber Illegalität nichts bringen, ist verlogen. Ganz abgesehen davon, dass von Boykotten noch nie behauptet worden ist, sie änderten das boykottierte Land, sondern nur: dass sie die Haltung des boykottierenden Landes besonders deutlich machen.

          Besonders absurd ist es jedoch, wenn jetzt ausgerechnet den Spielern der deutschen Nationalmannschaft zugemutet werden soll, sich in der Ukraine zur dortigen Menschenrechtslage zu äußern. Theo Zwanziger hat das nahegelegt. Spielen sollen sie schon, die Politiker auch kommen, der Sport ist neutral, die Geschäfte der Funktionäre sind einwandfrei, ihre Zusammenarbeit mit zwielichtigem Personal aller Länder dient der höheren Sache - aber Podolski und Lahm sollen die Moralkohlen aus dem Feuer holen?

          Demokratiebekräftigung durch Interviews mit vorher aufgesetzten Texten? Für wie töricht hält der Funktionär die Menschheit? Als der Autorennfahrer Vettel neulich die Aufstände in Bahrain unwirsch damit kommentierte, er könne sich dort zum Glück auf das konzentrieren, was wirklich wichtig sei, „Reifentemperaturen“, war das so dumm und geschmacklos wie ehrlich. Die Fußballlobbyisten sollten diese Äußerung zugrunde legen, wenn sie das nächste Mal über die moralische Aufgabenverteilung in ihrer Welt nachdenken. Sofern sie es jemals tun.

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