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Fußball im Problembezirk : Im freien Raum

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Nun vereinbart sie mit der Lehrerin Zusatzaufgaben, um aufzuholen, was versäumt wurde: Ihr Deutsch auf den Stand ihrer Intelligenz und Möglichkeiten zu bringen. Sarah will Abitur machen und Polizistin werden. Sie muss in den besseren Kurs aufsteigen. Die Lehrerin macht eine Notiz, sie sagt, sie „kann nichts versprechen, es aber ernsthaft erwägen“. Trainer Helmut hat ja was Ähnliches gesagt. Es ist das Pingpong der Hoffnungen, Erwägungen und nicht gemachten Versprechungen. Dazwischen steht Sarah und versucht vom Fleck zu kommen.

Wer etwas verändern will, hat wenig zu lachen

Sie hat noch Zeit, sie ist erst in der achten Klasse. Nach den Sommerferien fängt der Französisch-Unterricht an und damit eine weitere Sprache, die sie neben Deutsch, Polnisch, Englisch, Arabisch und Wedding-Türkisch lernen wird. Vorausgesetzt, dass weniger Mitschüler den Unterricht sabotieren. Sarah kennt Kurt Krömer, den Schulabbrecher, zwar nicht, aber er hat einen interessanten Satz auf seine Homepage gepackt: „Ich komme aus dem Wedding, da muss man nichts lernen, da ist man einfach so, wie man ist.“ Aber wenn man eine Kraft in sich findet, die verändern will, dann ist das Leben nicht nur komisch. Dieses Mädchen lacht wenig, ist ernst und angehalten.

Sarah geht zweimal in der Woche als Streitschlichterin über den Schulhof Streife. Streithähne führt sie in den Schlichtungsraum. Da gelten Regeln. Aussprechen lassen, keine Schimpfwörter. Die Techniken hat sie von der Schul-Mediatorin gelernt: 1. Spiegeln, sich in jemanden hineinversetzen, die Situation aus deren Sicht formulieren. 2. Fragen stellen. Das soll helfen. Es klingt, als würde ein Teil ihrer späteren Polizeiarbeit vorweggenommen. Nicht ganz abwegig, dass Sarah, sollte sie eines Tages Berliner Polizistin sein, einigen Mitschülern wieder begegnen wird. Außerdem trainiert Sarah einmal in der Woche Schülerinnen im Fußball. Lehrer fanden sich nicht dafür, also hat sie es gemacht und bekommt vom Hausmeister sogar den Schlüssel der Turnhalle, den kriegt sonst niemand. „Meine Sarah“, schwärmt der Rektor Uwe Schurmann. „Sie meinen doch meine Sarah, die die kleinen Mädchen trainiert?“

Zivilisatorische Fortschritte

Ja, wenn alle Schüler wie Sarah wären, dann wäre die Brunnenviertel-Welt des Rektors ein Schaumbad. Ja, wenn wir alle Engel wären, dann wäre die Welt nur halb so schön, heißt es im Schlager von Fred Sonnenschein alias Frank Zander, auch so ein typischer Komiker aus Berlin, der weiß, dass sonst eigentlich die armen Sünder die beliebteren Helden sind.

Es gibt eine Frau hier, die erkennt, dass die vorbildliche Sarah keinen leichten Weg geht. Es ist die Klassenlehrerin Frau Krohn, eine elegante Frau, der gegenüber die Schüler etwas zahmer auftreten. „Sarah muss viel aushalten, weil sie Sportlerin ist. Die Jungs hier sind sehr intolerant. Sarah wird als männlich beschimpft, als Konkurrentin gesehen. Denn Sarah kichert nicht. Aber die Mädchen respektieren sie sehr. Sarah ist wirklich ein Mittler zwischen den Kulturen. ich sage immer, sie ist meine Jeanne d'Arc.“ Aber die hatte nicht das beste Ende. „Wir sind nicht mehr im Mittelalter“, sagt Krohn. „Einige zivilisatorische Fortschritte hat es gegeben.“

Die Lehrerin hat recht, wie Sarahs Eltern sich kennengelernt haben, ist so ein zivilisatorischer Fortschritt. Und hier ist die Geschichte: Es begann in einer West-Berliner Kneipe, kurz bevor die Mauer fiel. Sarahs Mutter wollte dort zuerst nicht hineingehen, weil es eine Araber-Kneipe war, aber ihre Freundin bestand darauf. „Au weia, nur Araber! Mit Arabern will ich nichts zu tun haben, das sind Verbrecher“, erinnert sie sich. Dann sah sie plötzlich diesen Mann hinter der Theke stehen, den Mann, der Sarah Papa wurde. „Es war Liebe auf den ersten Blick.“ Erst Angst und Vorurteil, dann Überwindung, schließlich Liebe. Daraus also ist Sarah gemacht, diese Botschafterin für den Schmelztiegel Berlin.

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