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Fußball im Problembezirk : Im freien Raum

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Die Ernst-Reuter-Oberschule, eine Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe, liegt im Brunnenviertel zwischen Mitte und Wedding, einen Steinwurf von der Mauer-Gedenkstätte der Bernauer Straße. Auf der Website ist zu erfahren, dass der Berliner Komiker Kurt Krömer hier einst beschult wurde, aber das muss zu Zeiten gewesen sein, als noch genug deutsche Kinder zusammenkamen, um im Berliner Dialekt die Witze zu pflegen. Heute stimmt die Mischung nicht mehr. Diese Schule spiegelt in ihrer Zusammensetzung nicht mehr die Gesellschaft und kann ihren Schülern keinen realistischen Eindruck von dem Leben außerhalb des Brunnenviertels geben. Zu viele Hauptschüler und zu viele Türken prägen den unterfinanzierten Ablauf der Bestimmungen, und zu wenige, die sich wie Sarah als Deutsche begreifen und etwas von dem tagtäglich anberaumten Miteinander wollen. Aber Sarah mag diese Schule, und das ist krass, wenn man eine Doppelstunde Deutsch miterlebt hat.

Grenzen des Vokabulars

Sarah besucht den Kurs der „Mittelguten“ bei Frau Rosenthal. Konzentriert sitzt sie da, im Gegensatz zu vielen anderen. Die Lehrerin ist mehr Dompteuse als Pädagogin, inmitten von verbalen Störfeuern, körperlicher Unruhe und demonstrativer Verweigerung. Ein Mädchen schläft, ein Moppelchen holt belegte Brote raus, einige tigern durch den Raum. Frau Rosenthal schreibt vertikal zwei Worte an die Tafel: „Miteinander“ und „Leben“. Die Schüler sollen aus jedem Buchstaben ein neues Wort bilden, thematisch passend. Die deutlichsten Vorschläge lauten „Titten“, „Muschi“, „Nazi“, „Sex“, aber da testen sie die Lehrerin, und Frau Rosenthal besteht. „Das Wort Nazi würde ich nicht so gerne an der Tafel lesen“, sagt sie. „Und Sex? Da hast du nicht unrecht, das gehört zum Miteinanderleben, aber der Buchstabe S kommt nicht vor.“ Das Ergebnis, eine Sammlung hohler Töne.

Mutig, Intelligent, Teilen, Einzelgänger, Identität, Neuanfang, Ausländer, Neugierig, Deutschland, Erleben, Realität. Lieben, Ernst, Beieinander, Ehre, Nachbarn.

Die Diskussion zur Geschichte der Gastarbeiter in Deutschland kommt nicht voran. Warum lebten viele in einfachen Verhältnissen? Keine Antwort. Warum wurde ein Anwerbestopp beschlossen? Niemand sagt was. Warum bleiben viele unter sich? Endlich Meldungen.

„Türken sind leicht reizbar!“

„Die machen Überfälle!“

Dazwischen sitzt Sarah, still und konzentriert. Doch wieder Gurkentruppe.

Training an der Sprache

Nach der Stunde sagt die Lehrerin, und Sarah ist dabei, dass Sarah dem Kurs voraus sei, aber nur im Sinne von Zielstrebigkeit und Disziplin. Ihr Deutsch sei anfällig für Fehler, sie spreche und schreibe zu wenig, die literarische Phantasie fehle. Sarah findet oft keine Worte. Als müsse sie die Gedanken erst aus ihrem Kontrollgriff entlassen. Sie holt ein Heft hervor, in dem es viel zu korrigieren gab. Ausgerechnet „Bannanen“. Sie hat keinen spielerischen Umgang mit der Sprache, wie er sich bei einigen Störern zeigt, wenn sie sekundenschnell und mit Mutterwitz Sprachmängel anderer entblößen: „Wer ist dein Gelehrer? Wer ist dein Gelehrer?“

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