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Fußball und Lyrik : Tief im Schacht bei der Nacht

  • -Aktualisiert am

„Glück auf, Glück auf“: Das „Steigerlied“ in einem Liederbuch von 1903 im Deutschen Bergbau-Museum in Bochum Bild: dpa

Fußball-Hymnen sind oft nicht gerade lyrische Perlen. Wenn ein Bergbaulied, das viele mit einem bestimmten Verein verbinden, zum Kulturerbe würde, könnte das auch bei Rivalen Begehrlichkeiten wecken. Was blüht uns da? Eine Glosse.

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          Der Fußball wird von Lyrikern geliebt, wie diverse Beispiele von Robert Gernhardt bis zu Silke Scheuermann zeigen, aber die Lyrik wird von Fußballfans nicht unbedingt zurückgeliebt. „Handke – Du weißt ja nicht mal die Aufstellung vom 27.01.1968!“, war am vergangenen Wochenende auf einem Spruchband zu lesen, das Fans im Nürnberger Stadion beim Heimspiel gegen Regensburg hochhielten. Es spielt auf Peter Handkes Gedicht „Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27. 1. 1968“ an, das, wie schon lange bekannt ist, einen Fehler aufweist: Hinten links spielte an jenem Tag nicht Horst Leupold, sondern Helmut Hilpert. Diesen Fehler als poetische Lizenz zu betrachten scheint in der Nobelpreis-Debatte um Handke, auf die die Nürnberger Spruchband-Designer mit ihrem provozierenden „Du weißt ja nicht mal“ wohl anspielen, manchen nicht mehr möglich. Das aber zeugt von Opportunismus, galt doch zuvor Handkes Gedicht einigen als Huldigung.

          Ein größeres Problem dieses Readymade-Poems aus aufgezählten Spielernamen indes: Man kann es schlecht singen. „Wabra, Leupold, Popp“ und so weiter – es ist doch ein Kreuz mit der modernen Lyrik! Wobei die tatsächliche Hymne der Nürnberger, „Iiech bin a Glubberer“, auch nicht arg melodisch wirkt, aber das mag sich dem Franken anders darstellen. Wohlklingender scheint da schon das „Steigerlied“ („Und da drunten im tiefen, finstern Schacht bei der Nacht“), bekannt aus der Schalke-Arena mit Grubenlampenromantik und zuletzt beinahe zum Absteigerlied mutiert. Dabei hat „Glückauf, Glückauf! Der Steiger kommt“ gar nicht exklusiv etwas mit Schalke 04 zu tun, sondern ist ein altes Bergmannslied, dessen Wurzeln laut Musikforschern bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen. Auf Antrag des Vereins Ruhrkohle-Musik soll es nun ins bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen werden. Was dazu Schalkes Rivalen und deren Anhänger sagen, ist die Frage. Wird man demnächst in Dortmund, Oberhausen oder Duisburg Spruchbänder sehen, die fordern: „Das Steigerlied gehört uns allen“? Oder werden die dortigen Vereine ihre eigenen Hymnen zum Kulturerbe erklären?

          Duisburg etwa hätte mit dem sogenannten „Zebra-Twist“ die angeblich älteste deutsche Stadionhymne im Angebot, und was erst los ist, wenn der Trend das ganze Fußball-Land erfasst, mag man sich gar nicht ausmalen. In Bremen singen sie bekanntlich „Ihr seid cool und wir sind heiß“, in Frankfurt „Schwarz-weiß wie Schnee“, in Berlin „Am Abend dann am Tresen werden wir zum Libero“ – Texte, zu denen Robert Gernhardt vielleicht gesagt hätte, da war einer „mental nicht auf dem Papier“. Und in Paderborn sangen die Fans am vergangenen Wochenende nach dem ersten Saisonsieg „Hermann Löns, die Heide brennt“. Dann vielleicht doch lieber versuchen, Handke zu vertonen.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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