https://www.faz.net/-gqz-8i9vv
Julia Bähr, Redakteurin im Feuilleton

Fußball-EM : Islands Debütantenball

  • -Aktualisiert am

Pure Freude: die Isländer nach ihrem Ausgleichstreffer gegen Portugal Bild: AP

Wahrscheinlich gewinnen die Isländer die Fußball-EM nicht. Aber in Sachen Zauberhaftigkeit sind sie ganz vorne mit dabei – auch weil sie das weltschönste Wort für Fußball haben.

          1 Min.

          Falls jemand Island annektieren möchte, wäre jetzt der ideale Zeitpunkt. Der Zeitung „Morgunblaðið“ zufolge befinden sich nämlich acht Prozent der Einheimischen in Frankreich, um ihre Nationalmannschaft zu bejubeln. Das wären 26.400 Menschen, und wem das ein bisschen übertrieben vorkommt, der sollte wissen: Island nimmt überhaupt zum ersten Mal an einer Fußball-EM teil, von einer WM gar nicht erst zu reden. In der Qualifikation besiegten sie zweimal die Niederlande, was womöglich auch dazu beigetragen hat, dass inzwischen viele Deutsche dem isländischen Team in tiefer Sympathie verfallen sind.

          Ginge es bei diesem Turnier nur um so etwas wie Zauber, Island hätte schon längst gewonnen: Noch nie nahm ein so kleines Land an einer EM teil, und Stars hat diese Mannschaft auch nicht. Dafür mit „Knattspyrna“ das schönste Wort für Fußball, einen Mittelstürmer namens Sigthórsson und die kürzeste Erstligasaison der Welt: Weil das Wetter so unberechenbar ist, wird von Mai bis September gespielt. Den offiziellen Spot zur EM fürs isländische Fernsehen drehte übrigens der Torhüter Hannes Halldórsson, der neben seinem Job zwischen den Pfosten als Regisseur für Musikvideos und Werbespots arbeitet. Dafür hat er zwar kaum noch Zeit, aber zwischen den Spielen schneidet er immer noch kurze Filme. Wenn ein Land so wenige Einwohner hat, müssen eben Einzelne mehrere Talente in sich vereinen.

          Außerdem haben wir Island Rudi Völlers phantastischen Ausraster vor laufenden Fernsehkameras im Jahre 2003 zu verdanken, bei dem dieser auf leise Kritik des Moderators Waldemar Hartmann mit dem legendären Weizenbier-Monolog reagierte. Damals hatten sich Deutschland und Island in der EM-Qualifikation 0:0 getrennt. Ähnlich ungehalten reagierte jetzt der portugiesische Stürmerstar Cristiano Ronaldo auf das Remis vom Dienstag, das von den Isländern wie ein Sieg gefeiert wurde. Deren Freude sei Ausweis einer „schwachen Mentalität“, klagte Ronaldo nach dem 1:1, und überhaupt hätten die ja nur verteidigt, so gewinne man kein Turnier. (Indem man gegen Island unentschieden spielt, allerdings auch nicht.) Der isländische Trainer Heimir Hallgrímsson lobte dagegen erst einmal ausgiebig die Portugiesen.

          Übrigens liegt der Gesamtwert des isländischen Kaders bei 44,75 Millionen Euro, der von Cristiano Ronaldo allein bei 110 Millionen. Man könnte also diesen schlechten Verlierer einfach verkaufen und davon zweieinhalb isländische EM-Kader anschaffen! Das wäre auch viel effizienter, schließlich können die nebenbei Filme drehen und Wurzeln behandeln: Trainer Hallgrímsson hat langjährige Erfahrung als Zahnarzt.

          Julia Bähr

          Audience Managerin bei FAZ.NET.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Toll!

          TV-Kritik: Hart aber fair : Toll!

          Auf ProSieben gab es eine bemerkenswerte Neuerung: Dort verzichteten die Interviewer gleich gänzlich auf jeglichen Anschein des Denkens. Damit jedoch könnten sie die politische Reklame der Grünen kurioserweise auf den Punkt gebracht haben.

          Topmeldungen

          Am 19.4.21 ging es bei „Hart aber fair" um Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin der Grünen. V.l. :Anton Hofreiter (B‘90Grüne), Helene Bubrowski (F.A.Z).

          TV-Kritik: Hart aber fair : Toll!

          Auf ProSieben gab es eine bemerkenswerte Neuerung: Dort verzichteten die Interviewer gleich gänzlich auf jeglichen Anschein des Denkens. Damit jedoch könnten sie die politische Reklame der Grünen kurioserweise auf den Punkt gebracht haben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.