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Für Spieler: „Grand Theft Auto V“ : Flaneur mit Schrotflinte

  • -Aktualisiert am

Ein Moment der Ruhe: Der pensionierte Bankräuber Michael De Santa lässt den Blick über Los Santos schweifen Bild: Rockstar Games

Tennis spielen, Autos stehlen, Passanten erschießen. Doch was dann? Auch wenn nichts mehr zu tun ist, geht es im Videospiel „Grand Theft Auto V“ noch weiter: Erfahrungen aus einer Welt ohne Richtung.

          Ich wache auf. Mein Psychologe schreibt mir, dass ich ihn mal wieder besuchen sollte. Ich verabrede mich lieber zum Tennis mit einem Nachbarn, stehle danach eine Propellermaschine, springe aus dem Flugzeug und lasse es am Berg zerschellen. Heute Abend soll ein guter Film im Kino laufen. Ich setze mich auf eine Bank am Rande des Stadtparks. Die Fensterfronten der Bürohäuser reflektieren das kalifornische Licht.

          Ein Polizeiwagen rauscht vorbei, einem Kleinwagen hinterher. Der Fahrer hält an und wird auf offener Straße erschossen. Ich nehme ein Taxi zum Strand, an dem junge Männer sich selbst mit ihren Handys fotografieren und Bodybuilderinnen an Freiluft-Fitnessgeräten ihre Muskeln stählen. Den Lastwagen, den ich später vom Parkplatz eines alten Diners klaue, ramme ich gegen einen vorbeifahrenden Geldtransporter, dessen Türen aufspringen und Geld auf die Straße regnen lassen. Ich erschieße das Personal, im Radio läuft Countrymusic.

          Das Videospiel „Grand Theft Auto 5“ hatte bereits drei Tage nach dem Verkaufsstart Mitte September eine Milliarde Dollar eingespielt. Allein in Deutschland wurden über eine Million Exemplare verkauft. Doch auch inhaltlich sorgt „GTA 5“ für Furore. Das „Open-World-Game“ wird als zynisches Meisterwerk gefeiert, in dem sich der Spieler frei bewegen kann, changierend zwischen harmlosem Bürger und gewalttätigem Gangster.

          Yoga im Wilden Westen

          Für den Erfolg der Reihe sorgen nicht zuletzt die exzellenten Drehbuchautoren, die der Entwickler Rockstar Games in seinen Reihen führt. Wie seine Vorgänger erzählt auch „GTA 5“ eine vielschichtige Satire auf die Vereinigten Staaten. Vielschichtig meint dabei nicht unbedingt komplex, sondern eher sämtliche gesellschaftliche Schichten penetrierend. Vor den Toren der Stadt Los Santos, einer Karikatur von Los Angeles, machen selbsternannte Beschützer des Landes Jagd auf illegal immigrierte Mariachi-Bands, Teenager verblöden zu Tausenden vor den Bildschirmen, die Polizei ist korrupt, die Oberschicht befindet sich im Yoga-Wahn, und im Radio wird aggressiv für Schönheitschirurgie geworben: „Schneiden Sie sich einfach Ihre Probleme weg, dann können Sie wie andere Menschen aussehen.“

          Freilich ist Gewalt omnipräsent. Jederzeit bin ich in der Lage, einen vorbeilaufenden Passanten zu erschießen, einen Fahrer aus seinem Auto zu zerren. Ein urbaner Wilder Westen, in dem jeder stets mit Übergriffen zu rechnen hat.

          Im Fokus des Geschehens: Meth- und Waffendealer Trevor, Ex-Bankräuber Michael und der Kleinkriminelle Franklin (v. links)

          Aus diesem gesellschaftlichen Äther steigen die drei spielbaren Charaktere. Franklin ist ein junger, schwarzer Kleinkrimineller, der sich durch Autodiebstahl über Wasser hält, Michael ein Bankräuber im Ruhestand, der mit seiner verhassten Familie in einem Anwesen lebt. Und Trevor ist ein gewalttätiger Psychopath, der sein Geld mit Meth und Waffenhandel verdient.

          Insbesondere Michael verkörpert wie kein Zweiter den Geist der Metropole. Er erscheint uns als eine vom Geld völlig ausgehöhlte Figur, aller Emotionen und Werte entleert. „Du hast einfach nur Angst, allein zu sein“, brüllt ihn sein Sohn an, als Michael dessen riesigen Fernseher zertrümmert. Der Vater versteckt sich hinter Sarkasmus: Er wisse sowieso nicht, was er auf diesem Planeten zu suchen habe, da könne er doch seine Zeit auch damit verbringen, Palmen für den Garten auszuwählen.

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