https://www.faz.net/-gqz-15a20

Für Köln : Kann denn Lesen Sünde sein?

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

T.C. Boyle wird „Die Frauen“ mitbringen, Daniel Kehlmann „Ruhm“, Joseph O'Neill „Niederland“: Köln feiert ab diesem Donnerstag zum neunten Mal die „lit.Cologne“. Edelfedern zu Besuch gibt es jedoch auf allen Buchmessen. Was „Europas größtes Literaturfest“ so besonders macht.

          2 Min.

          O Weisheit der Diotima! Nur wen beizeiten die Begierde zu einem schönen Körper packt, der ist auf dem rechten Weg. Denn alsbald weitet sie sich aus „von einem zu zweien und von zweien zu allen“, zur Lust an sich, zur nackten Kunst, die das Urschöne erst hervorbringen kann.

          Ein Buch ist keine Arie ist kein Schnitzel ist kein Zungenkuss. Eifrig wird tiefensortiert in der Bürokratenrepublik. Kriminalromane hier, Autobiographien dort, fiktive Autobiographien in den Giftschrank, öde Novellen unten rechts, Romane mit Hunden im Titel ganz nach oben: Erst die Ordnung der Dinge, so glaubt man penetrant, verleiht uns Macht über die Ohnmacht des Geistes.

          Schnitzelbraterei, Ächzgedichte, Nachtlesungen

          Ein Glück nur, dass der Schutz- und Schmutzheilige des Genies immer wieder einbricht in die Kleinkariertheit. Schmecken, riechen, hören, sehen und betasten will der mächtige Eros seine Früchtchen. Und wo geschähe das besser als im frivolkatholischen Köln? Zehn Tage lang wird von Donnerstag an die neunte „lit.Cologne“ mit 158 Veranstaltungen wieder Begierden nach dem Urschönen aufpeitschen. Wonnevoll zerfließen dabei Grenzen: Kinderbuch, Sachbuch, Straßenbahnkrimi, Film, Theater, Weltklasseliteratur, Provinzliteratur, Konzerte, Kabarett, Schnitzelbraterei, Ulkgedichte, Ächzgedichte, New Journalism, Sexgespräche, Gesprächssex, Vergangenheitsbewältigungen, Nachtlesungen - alles schießt hier zusammen und bildet jene unnachahmliche Aura von echter Leidenschaft, die dieses „größte Literaturfest Europas“ umgibt.

          Gerhard Polt poltert durchs Schauspielhaus, Helge Schneider und Fritz Eckenga bespaßen den Tanzbrunnen, Axel Hacke macht das Literaturschiff „MS RheinEnergie“ zum Stammesgebiet des weißen Negers Wumbaba. Zugleich stehen internationale Weltklasseautoren Schlange, um in Köln auftreten zu können, dieser fast absurden Stadt, die soeben für eine Milliarde Euro ihr Gedächtnis begraben hat. Der Schock sitzt diesmal tief. Zwei Veranstaltungen sollten im nun einsturzgefährdeten Gymnasium stattfinden. Aber die Lebensfreude hat sich hier nie lang im Zaum halten lassen.

          Literaturkarneval vom Feinsten

          Stark vertreten sind die Amerikaner: T. C. Boyle bringt „Die Frauen“ mit, ein Buch über Frank Lloyd Wright und den amerikanischen way of sex. Der aufstrebende Debütant Adam Davies gibt sich ebenso die Ehre wie der mit dem orthodoxen Judentum hadernde Shalom Auslander („Eine Vorhaut klagt an“) oder Joseph O'Neill, der gefeierte neue Stern am „American novel“- Himmel (Joseph O'Neills Roman „Niederland“). Zu sehen und hören sind auch der New-Journalism-Heros Gay Talese und der Pulitzerpreisträger Junot Díaz, der Spanier Raphael Chirbes, die Französin Simone Veil, der Kanadier David Gilmour, der Ungar Péter Esterházy. Die meisten Autoren sind deutschsprachige: Daniel Kehlmann, Tilman Rammstedt, Juli Zeh, Silvia Bovenschen, Heinz Strunk und Peter Sloterdijk.

          Edelfedern zu Besuch gibt es indes bei allen Buchmessen. Was macht das Kölner Festival so besonders? Die Leiter der „lit.Cologne“, Rainer Osnowski, Werner Köhler und Edmund Labonté, haben früh erkannt, dass man nicht einfach Autoren aus ihren Büchern lesen lassen darf. Es braucht Gegenpole: Kollegen auf Augenhöhe und Moderatoren, die etwas zu sagen haben. So wird der große amerikanische Essayist und Romancier Nicholson Baker sein provokantes Buch über die Radikalisierung des Zweiten Weltkriegs durch Winston Churchill vor dem britischen Historiker Timothy Garton Ash zu verteidigen haben.

          Und es braucht eine Gemeinschaft. Wer hierher kommt, soll nicht Zuschauer sein, sondern Teilnehmer am großen Gastmahl, zu dem natürlich Wein, Gesang und jede Menge Weib gehört. Und wie für Sokrates gibt es auch für die Kölner nur einen, zu dessen Ehren eine solche literarische Völlerei aus- und angerichtet werden darf: den erhabenen, aus dem Chaos geborenen Eros. Kann denn Lesen Sünde sein? Oswalt Kolle wird darüber aufklären, Michael Stavaric erzählt von Begehren, Hingabe und Verrat, während der mit seinem E-Mail-Vorspiel bekannt gewordene Daniel Glattauer endlich zur Erfüllung schreitet. Literaturkarneval vom Feinsten, den niemand verpassen sollte, dem etwas am Urschönen liegt. Nur einen Körper hatte Diotima übersehen. Hier aber wird auch der bedacht, mit dem großen Onanieabend: „Die Lust an sich“.

          Weitere Themen

          Karneval des Todes

          Haitis blutige Gegenwart : Karneval des Todes

          Seit Monaten eskalieren Proteste und Demonstrationen in Haiti. Das Land, das sich weder von der Duvalier-Diktatur in den siebziger und achtziger Jahren noch von dem Erdbeben im Jahr 2010 erholen konnte, steht kurz vor einem Bürgerkrieg. Ein Gastbeitrag.

          „The Roads Not Taken“ Video-Seite öffnen

          Kinotrailer : „The Roads Not Taken“

          „The Roads Not Taken“; 2020. Regie: Sally Potter. Darsteller: Javier Bardem, Elle Fanning, Salma Hayek. Start: 30.04.2020.

          Plädoyer in eigener Sache

          „Medea“ in München : Plädoyer in eigener Sache

          Der Chor fragt schon nach dem Recht der Frauen: Am Münchner Residenztheater inszeniert Karin Henkel „Medea“ nach Euripides. Carolin Conrad verkörpert die antike Kindsmörderin als geächtete Frau, die bewusst ins Unglück steuert.

          Topmeldungen

          Syrienkonflikt : Drohungen nach allen Seiten

          Der Angriff auf türkische Soldaten mit 33 Toten verschärft drastisch die Spannungen zwischen der Türkei und Russland in Syrien. Bevor es zu einer direkten militärischen Konfrontation zwischen beiden Ländern kommt, stehen ihnen aber noch andere Instrumente zur Verfügung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.