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Fünf Tage bei Attac : Ich bin im Widerstand

  • -Aktualisiert am

Wer auf einen Baum steigt, verschafft sich Überblick und setzt sich von den anderen ab. Für die gesellschaftliche Wirkung braucht es dann nur noch ein Protestplakat Bild: AFP

Im Sommercamp von Attac lernt man, Bäume zu besetzen und die Finanztransaktionssteuer zu erklären. Nur die Gemeinschaftsküche sucht immer Helfer. Kann sie so kommen, die Revolution?

          Mit der rechten Hand Seil nachgeben, die linke führt nur. Die Knie durchdrücken, sonst ist das zu anstrengend. So steigen wir Schritt für Schritt an der Wand hinab in das trockengelegte Wasserbecken vor dem Philosophicum der Mainzer Universität. Sandra und ich lernen die Grundlagen des Aktionskletterns. Der Kursleiter heißt Thomas, wir sind die Teilnehmer. Am ersten Tag fehlt uns noch ein langes Seil, außerdem sind wir beide Anfänger, da ist dieses etwa anderthalb Meter tiefe Becken schon eine Aufgabe, an der wir lernen können. Erst die Materialkunde und die Vokabeln, dann die Praxis. Erst der Klettergurt, die Karabiner, der Achter, die Reepschnur, der Cowtail, dann die Knoten und die Kraft der Finger. Auf den Punkt, an dem das unflexible Statikseil hängt, muss man vertrauen können.

          Für fünf Tage gehöre ich zu einer Gruppe, die gemeinsam die Gesellschaft verändern will. Fünf Tage lang lerne ich auf der Sommerakademie von Attac. Seminare und Diskussionen geben ein paar hundert Leuten und mir das Gefühl von gesellschaftlicher Wirkung. Das ist für mich auch eine Rückkehr an die Universität, eine Erinnerung an die Arbeit bei der Fachschaft. Parallel zum theoretischen Programm findet die Aktionsakademie statt. Am Ende sollen es zusammen rund 650 Menschen gewesen sein. Sie sind links in dem Sinne, dass sie nicht zufrieden sind mit dem, wie es war und wie es ist, und die an die Emanzipation und Selbstermächtigung des Menschen glauben.

          Die Möglichkeiten des Aktionsklettererns

          Bei unserer Kletterübung gibt eine verschlissene Sitzbank unserem Seil sicheren Halt. Der Knoten, den Thomas um die Sitzfläche gemacht hat, sitzt. Auf Äste kann man sich nicht grundsätzlich verlassen. Von unten muss der Kletterer erkennen, ob sie kräftig und saftig genug sind, um Halt zu geben. Gerade als wir das Abseilen durchsprechen, kommt eine Frau aus den Küchenzelten vorbei. Sie guckt auf unsere Kaffeetassen und sagt, dass sie Hilfe in der Küche braucht. Keiner von denen, die sich für Dienste eingetragen hätten, sei erschienen. Ich schaue in meine Kaffeetasse und überlege, doch Sandra macht der resoluten Frau freundlich, aber bestimmt klar, dass wir keine Zeit haben. Außer uns gibt es keine weiteren Teilnehmer beim Aktionsklettern, sagt sie. Sie hat recht, und ich will nicht, dass meine Ausbildung zu kurz kommt.

          Ein fertiger Aktionskletterer hängt Banner auf. Zwischen Bäumen und Häusern, Häusern und Häusern, Bäumen und Bäumen. Er kann auf Bäume klettern und schützend in ihren Wipfeln Stellung beziehen, bis entweder so viele wissen, dass er da oben sitzt, dass niemand den Baum mehr fällen möchte, oder der Baum einfach trotzdem gefällt wird. Thomas erzählt die Geschichte von Julia Butterfly Hill. Sie hat mehr als zwei Jahre auf einem Mammutbaum in Kalifornien ausgeharrt. Der Baum wurde am Ende mit gut zehn Quadratkilometern unter Schutz gestellt. Das sei noch nicht alles, was ein Aktionskletterer tun kann, sagt Thomas, der allerdings noch bei keiner Aktion dabei war. Für seine Stellung an einer Universität wäre das zu riskant, glaubt er.

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