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Fünf Jahre Berliner Hauptbahnhof : Zum Geburtstag mal die Wahrheit

  • -Aktualisiert am

Etwas sonderbar: Das Vorbild für diesen Bahnhof sind Piranesis Kerker und Folterkammern Bild: dpa

Welcher Bahnhof wollte nicht eine „Kathedrale der Moderne“ sein: Seit fünf Jahren hören wir jetzt, der Berliner Hauptbahnhof sei eine Perle der Architektur, nur das Umfeld lasse zu wünschen übrig. Sorry, aber: Nein!

          Berlin ist die einzige Stadt mit einem Hauptbahnhof, der nur mit der Bahn erreicht und verlassen werden kann. Man kommt mit der S-Bahn und sucht den Bahnsteig, von dem aus es weitergeht. Wenn man ihn gefunden hat, ist der Zug zwar weg, aber das Schöne an Zügen ist ja: Es kommt immer irgendwann ein nächster. Oder man kommt an mit dem Zug und sucht die S-Bahn. Wenn man Glück hat, fährt die auch und bringt einen zu einem anderen Bahnhof. Und dort ist dann die Stadt.

          Wir hatten alle mal geglaubt, wir würden uns daran gewöhnen mit der Zeit. Aber fünf Jahre haben noch nicht ganz gereicht dafür. Man hat immer irgendwie zu wenig Zeit, um es stoisch hinzunehmen. Man will, unbelehrbar, wie der Mensch eben ist, immer nur den Zug kriegen, den man genau deswegen verpasst. Denn Eile macht orientierungslos. Eile ist das Letzte, was man haben sollte, wenn man diesen Hauptbahnhof benutzt. Muße soll man haben. Muße, um ihn als Meisterwerk der Architektur zu genießen. So ist das gedacht.

          So wird die Sache aber nur noch schlimmer.

          Verbaut, im Sinner von verkorkst: Luftaufnahme des Bahnhofs

          Was nämlich die Architektur betrifft, ist es nach fünf Jahren und sehr viel Muße infolge verpasster Züge vielleicht einmal an der Zeit, die Wahrheit zu sagen: Etwas, was funktional dermaßen gescheitert ist, kann keine gute Architektur sein. Die Wahrheit ist: Dieser Berliner Hauptbahnhof ist fundamental missraten - und zwar nicht, weil die Glasdächer über den Bahnsteigen kürzer und die Decke über dem Tiefgeschoss flacher ausgeführt wurden, als der Architekt das wollte. Der Berliner Hauptbahnhof ist als Ganzes und nach seinen eigenen ästhetischen und architektonischen Ansprüchen missraten.

          Als die reine Idee noch scheinen durfte

          Dies mitten in die Jubelgesänge zum fünften Geburtstag hinein zu sagen, mag unhöflich klingen. Aber wenn auch nach fünf Jahren wieder und wieder das gleiche Lied ertönt - der Bahnhof sei ein Meisterwerk, nur das städtebauliche Umfeld lasse noch zu wünschen übrig -, dann wird es höchste Zeit, einmal ganz deutlich zu sagen, dass das leider Quatsch ist. Eher wird noch umgedreht ein sogenannter Schuh daraus. Das Umfeld ist eine Ödnis, eine Brache, das ist richtig. Aber das heißt eben immer auch, dass da noch alle Möglichkeiten offen sind. Beim Hauptbahnhof ist nichts offen und das, was man dort tun möchte (schnell zum Zug kommen), nicht möglich. Er ist verbaut, im Sinne von verkorkst. Vielleicht weil er zu viel wollte.

          Dabei ist ja nachvollziehbar, was den Kritikern so gefallen hat, gefallen musste, damals, als der Bau gerade fertig wurde, als die reine Idee noch scheinen durfte, ungetrübt von Reisenden, die verzweifelt, schwitzend und fluchend nach den Bahnsteigen suchen. Da war dieses Kreuz, dieses größte, älteste, pathetischste aller Bilder, mit all seinen Konnotationen. Da war die Vierung, die der Bau bildet, wie bei einer richtigen Kathedrale - und welcher Bahnhof wollte nicht eine „Kathedrale der Moderne“ sein. Der Berliner Bahnhof hätte, wenn es nach dem Architekten gegangen wäre, sogar ein Pfeilergewölbe gehabt, wie in einer echten Krypta. Und als Hauptsache natürlich das schwindelerregende Über- und Unter- und Neben- und Durcheinander der Ebenen, Treppen, Gleise, Durchblicke und Abgründe: ganz wie in den „Carceri“ von Piranesi, den berühmten Architekturphantasien aus dem 18. Jahrhundert.

          Große Geste aus der Luft

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