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Fünf Jahre Berliner Hauptbahnhof : Zum Geburtstag mal die Wahrheit

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Wie! Wie! Wie! Kritiker sind glücklich, wenn sie Dinge wiedererkennen, wenn sie Referenzen benennen können und berühmte Vorbilder - auch wenn Piranesis Bilder von Gefängnissen, dystopischen Labyrinthen und endlosen Folterhöllen ein etwas sonderbares Vorbild sind für einen Bahnhof. Noch glücklicher wären sie aber, wenn sie mit etwas konfrontiert werden, was sie noch nicht kennen, noch nie gesehen haben, erst einmal begreifen und verdauen müssen. Der Berliner Hauptbahnhof ist in diesem Sinne sehr leicht verdaulich. Aber da er in diesen Anhäufungen von Als-obs überdeutlich macht, was er gern wäre, fällt umso deutlicher ins Auge, was er dann in seiner eigenen Tatsächlichkeit alles nicht ist. Zum Beispiel: kathedralenhaft großzügig. Er ist lediglich groß und zugig. Das liegt auch daran, dass das Kathedralenhafte unserer Gründerzeitbahnhöfe einen funktionalen Grund hatte, der hier völlig fehlt. Dampflokomotiven erforderten hohe Riesenhallen, damit die Leute nicht im Rauch ersticken. Die typischen Dachkonstruktionen aus Stahl und Glas waren die damals zeitgemäßeste Lösung. Das Glasdach des Berliner Hauptbahnhofs wölbt sich einzig aus Gründen der Nostalgie über den ICEs und fröstelnden Passanten, als ein historistisches Ornament. Dann diese Sache mit dem Stahlträger: Ein Jahr nach der Eröffnung hatte ein Sturm einen 8,40 Meter langen Stahlträger aus jener Außenfassade gepustet, die so aussah, die so aussehen sollte, als wäre jedes ihrer stählernen Teile nur deswegen an seiner Stelle, um das Große und Ganze zu halten. Da lag es aber nun und hatte zum Glück nicht auch noch jemanden erschlagen: ein tonnenschwerer, nutzloser Stuckschnörkel aus Stahl.

Schwer zu sagen, was empörender ist: dass man dem Bau beim Lügen zusehen muss oder dass er dann auch noch so wenig daraus macht. Wenn der Konstruktivismus schon nur ein vorgetäuschter ist, warum muss er dann so kleinlich aussehen? So, wie aus dem Fischertechnik-Baukasten zusammengeschraubt? Warum dann nicht eine ambitioniertere architektonische Geste? Denn die Großgeste mit der Kreuzung erkennt man ja nur aus der Luft. Und selbst die entpuppt sich immer dann als theatralisch und leer, wenn man, weil zum Beispiel Hamburg im Norden liegt, demonstrativ nach Norden rausfährt, nur um dann trotzdem als Nächstes wie früher in Spandau zu halten, wie alle Züge, die nach Westen rausfahren. Nicht alles daran mag die Schuld der Architekten sein. Aber sie haben es geschafft, dass auch tägliche Nutzer nach fünf Jahren immer noch intuitiv falsch laufen, das Gefühl haben, grundsätzlich den ungünstigsten Weg gegangen zu sein, und darüber streiten, womit man langsamer vorankommt, mit den Rolltreppen oder den Fahrstühlen.

Der Erste, der die Wahrheit aufschreibt

Das Problem ist wirklich nicht das Umfeld. Erst ein Billigmotel hat sich da angesiedelt? Na und. Bahnhofsviertel sind selten die Gegenden mit den Villen und den Prada-Läden. Ein Bahnhofsviertel, das so sehr echtes, großstädtisches Bahnhofsviertel sein wollte, wie der Hauptbahnhof ein echter großstädtischer Bahnhof sein will, das würde eher den Neubau von abgeranzten Spielhallen, Striplokalen und Puffs erfordern. Die Leere ist nicht das Problem. Das Problem ist eher, dass man trotz der Leere nicht einmal vernünftig mit dem Auto vorfahren kann, ohne dreimal vor und zurück zu rangieren in der katastrophal fehlgeplanten Vorfahrt. Entnervt brüllende Taxifahrer. Verzweifelt im Überall-Halteverbot parkende Autofahrer. Wie Schiffbrüchige über den Sand sich herbeischleppende Fußgänger. Zusammen mit den orientierungslos Umherirrenden aus der Bahn machen sie den Ort zu einem einzigen täglichen Jammertal.

Das ist die Wahrheit.

Und warum muss ich der Erste sein, der sie aufschreibt? Vielleicht, weil die Architekten Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg heißen und unbestreitbar auch viel Großartiges gebaut haben. Zum Beispiel den Berliner Flughafen Tegel. Ein herrliches, bis heute erregend neuartiges, hinreißend funktionales und praktisches Gebäude, das genaue Gegenteil ihres Hauptbahnhofs. Demnächst wird Tegel geschlossen. Weil Berlin im Moment alles daransetzt, zur zweiten Stadt nach München zu werden, deren Flughafen nur aus der Luft erreicht werden kann.

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