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Führungswechsel bei der Deutschen Akademie : Präsident der Dichter

  • -Aktualisiert am

Auf Heinrich Detering warten in seinem neuen Amt große Aufgaben Bild: dpa

Neuer Chef, neuer Ehrgeiz: Heinrich Detering übernimmt das Amt des Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung von Klaus Reichert. Sein Anliegen: die Politik soll die Akademie fragen.

          Es hat wohl noch keinen Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gegeben, der nicht mit dem Vorsatz angetreten wäre, der Institution mehr politische und gesellschaftliche Relevanz zu verschaffen. Vom Althistoriker Christian Meier übernahm die unendliche Aufgabe 2002 der Frankfurter Anglist Klaus Reichert. Zu dessen Nachfolger wurde gestern in der Mitgliederversammlung in Darmstadt der einundfünfzigjährige Germanist und Skandinavist Heinrich Detering gewählt.

          Just in dem Moment, da die 1949 gegründete Institution selbst aufs Pensionsalter zusteuert, gelangt damit erstmals jemand an die Spitze, der jünger ist als sie. Doch solange die Akademie nur über Mittel verfügt, mit denen schon ein gemütlicher Ruhestand praktisch nicht zu finanzieren ist, geschweige denn eine so aktive öffentliche Rolle, wie sie der neue Präsident und seine drei frisch gekürten Vizepräsidenten, die Dramaturgin und Übersetzerin Nike Wagner, der Schriftsteller Aris Fioretos und der Historiker und Kritiker Gustav Seibt, anstreben, kann es nur einen Aufbruch in Etappen sein.

          Wechselwirkung ist gefragt und erforderlich

          Denn der Jahresetat der Akademie, die knapp hundert ordentliche und 120 korrespondierende Mitglieder zählt, beträgt gerade einmal sechshunderttausend Euro, gegeben von Bund, Ländergemeinschaft und dem Land Hessen, wo die Institution ihren Sitz hat. Davon müssen unter anderem die Nebenkosten für das Glückert-Haus in Darmstadt, das die Akademie mietfrei nutzt, und sieben Gehälter beglichen werden. Hinzu kommen mit in der Regel mehr Elan als Erfolg eingeworbene Drittmittel und Spenden in schwankender Höhe, mit denen die zahlreichen Publikationen finanziert werden.

          Einen halbprivaten Honoratiorenclub, der zweimal im Jahr zusammenkommt, edle Preise verteilt und dessen Mitglieder mehr zu ihrem Privatvergnügen hochgelehrte bis leicht versponnene Werke vorlegen, kann man so vielleicht aufrechterhalten, aber keine Institution, die zweifellos zu den bedeutenden Nationalakademien Europas zählt - und die im Ausland, anders als hierzulande, auch als solche wahrgenommen wird. Ein solches Gremium von Bundesseite zu stützen wäre, zumal in Zeiten von geistigem Leistungsschutz und Urheberrechtsfragen, Bildungs- und Sprachverunsicherung, kein Luxus. Im Gegenzug könnte und sollte die Kulturpolitik die Akademie auch bei diesen drängenden Fragen stärker in die Pflicht nehmen.

          In Detering hat die Akademie einen Abgesandten, der dieser Aufgabe glänzend gewachsen sein dürfte. Der Literaturwissenschaftler, Essayist und Dichter, der 1995 in Kiel jüngster Professor Deutschlands wurde und seit 2005 den Göttinger Germanistik-Lehrstuhl Albrecht Schönes innehat, der Kenner Theodor Storms, Hans Christian Andersens und Bob Dylans, Leibniz-Preisträger, ist Lesern dieser Zeitung seit zwanzig Jahren auch als Literaturrezensent bekannt. Derzeit sitzt er an einem Buch über Thomas Mann und die Religion, an einer Studie über Elvis Presley und einem neuen Gedichtband. Dabei ist der Vielbegabte und -begeisterte kein Einzelkämpfer. Sein Vorgänger Klaus Reichert wurde gestern auf seine Initiative zum Ehrenpräsidenten gewählt; so wird er die von ihm begonnenen Projekte weiter begleiten.

          Erst das Geld, dann die Beteiligung

          Denn die Tätigkeit der Akademie soll sich nicht in der kritischen Begleitung der Sprachentwicklung und in der Sicherung und Wahrung des literarischen Erbes erschöpfen. Vielmehr will sie der Öffentlichkeit die deutschsprachige Literatur nicht allein in Publikationen, sondern verstärkt auch in Veranstaltungen und Ausstellungen näherbringen, und sich die digitalen Möglichkeiten nicht zuletzt für die Bildung künftiger Lesergenerationen zunutze machen. Die Kontakte, die über Jahrzehnte im Ausland erworben wurden, sollen stärker genutzt werden. Auf Dauer soll so ein europäisches Netzwerk der literarischen Akademien geschaffen werden.

          Für ihren Weg aus der südhessischen Provinz hat sich die Akademie eine Art Verfassung gegeben: eine Denkschrift, die Martin Mosebach und Gustav Seibt mit Reichert, Detering und Bernd Busch, dem Sekretär, verfasst haben. Vor wenigen Wochen wurde sie Kulturstaatsminister Neumann und Bundestagspräsident Lammert überreicht. In dem Papier wird nicht nur das historisch gewachsene Selbstverständnis der Akademie als wichtigste Vereinigung von Schriftstellern, Gelehrten und Kritikern proklamiert, sondern auch eine Einladung ausgesprochen: Die Politik dürfe die Institution durchaus stärker in Anspruch nehmen - natürlich erst, nachdem sie sie finanziell befördert hat.

          Post aus Berlin ist erwünscht

          Auf seine Exklusivität aber mag der Club keinesfalls verzichten. Denn das Wesen der Akademie zeigt sich seit je in den Gesprächen, Diskussionen und Lesungen, die sich auf ihren Tagungen und Reisen ergeben. Es sind Dialoge im geschützten Raum, die keiner Verwertungskette unterworfen sind, aber Langzeitwirkung entfalten können.

          Die jetzige Herbsttagung, die am heutigen Samstag mit der Verleihung des sechzigsten Büchner-Preises an Friedrich Christian Delius zu Ende geht, stand ganz im Zeichen des Führungswechsels. Das Programm des Frühjahrstreffens in Schwäbisch Hall wird bereits die Handschrift Deterings tragen. Bis dahin gibt es vielleicht auch Post aus Berlin.

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