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Edo Reents (edo.)

Frühling im Winter : „Zu warm für die Jahreszeit“

  • -Aktualisiert am

Dem Wetter ist egal, welche Jahreszeit im Kalender steht. Bild: dpa

Für die nächsten Wettergespräche: Der nächste Winter kommt bestimmt, möglicherweise noch in diesem. Vor fünfzehn Jahren war es in Süddeutschland sogar an Pfingsten noch kälter als an Weihnachten. Und – hat uns das geschadet?

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          Herr, was ist los? Der Winter war recht kurz. Zu kurz? Das wohl nicht. Sein Scheiden macht, dass uns das Herze lacht. Aber, und das wird in diesen Tagen allgemeiner Sonnenanbetung leicht vergessen, er ist ja auch noch gar nicht vorbei! Kalendarisch hat er noch volle vier Wochen, genug also, um noch das ein oder andere Comeback, wie es im Wetterbericht heißt, zu feiern. Und wie oft tut er das auch danach noch, unbekümmert um Fragen jahreszeitlicher Einteilung, die, wie das Klima inzwischen auch, menschengemacht ist.

          Das Einzige, das uns zögern lässt, den Winter einen Quartalsirren zu nennen, ist die Logik. Der Quartalsirre, auf den auch nicht durchgängig Verlass ist, lebt seinen Hang zur Verrücktheit wiederkehrend, aber ohne festes Datum aus. Den Rest des Jahres über ist er, ob nun zur Tarnung oder weil er sich dann wirklich anders fühlt, einigermaßen bei Verstand, im Einklang mit den Denk- und Verhaltensweisen anderer Leute. Auf den Winter trifft das nicht zu. Er hat ja nur drei Monate Lebenszeit, da beißt die Maus keinen Faden ab, da kann es vor und nach ihm noch so kalt sein, da behilft man sich dann mit einem „für die Jahreszeit zu kühl“, was die Sachlage zwar richtig beschreibt, aber eine Erklärung dafür schuldig bleibt.

          Auch in Qatar ist Winter

          Jetzt ist es für die Jahreszeit jedenfalls zu warm. Menschen, die langfristig denken, pflegen bei solcher Witterung darauf hinzuweisen, dass es dafür dann wahrscheinlich an Ostern wieder kälter sei als an Weihnachten. Warten wir das ab und bemühen unser meteorologisches Langzeitgedächtnis, das uns mit der Auskunft versorgt, dass es vor fünfzehn Jahren in Süddeutschland sogar an Pfingsten noch kälter war als an Weihnachten. Und – hat uns das geschadet? Nicht nennenswert; denn danach hob ja das Sommermärchen so prächtig an und gab uns erheblich mehr als drei südliche Tage. Wo wir gerade beim Fußball sind: Es ist nicht übertrieben, die Tatsache, dass die nächste Weltmeisterschaft allen Ernstes stattfindet, während hier Winter und es mit Public Viewing im Freien mehr oder weniger Essig ist, als Quartalsirrtum zu bezeichnen. Aber, und das vergisst man leicht, wenn man in Gedanken schon wieder bei Lebkuchen und Glühwein ist, am Ort des Geschehens herrscht dann auch Winter. Rein jahreszeitlich betrachtet, sind die Leute in Qatar dann, wie logischerweise in den übrigen drei Quartalen auch, in keiner anderen Lage als wir.

          Kein Grund also, neidisch zu sein, auch jetzt nicht, da sich die Menschen hierzulande schon kleiden und benehmen, als wäre hoher Sommer. Man merkt ihnen an, dass sie in diesem Jahr ein verfrühtes laues Lüftchen besonders gut vertragen können. Fast ist es, als wollten sie ihm in ihrer faustischen Seele zuhauchen „Verweile doch, du bist so schön“, so rückhalt- und nicht selten auch trägerlos, wie sie sich ihm gerade präsentieren. Man gönne es ihnen von Herzen. Aber dieses Angebundensein an den „Pfahl des Augenblicks“ (Nietzsche, der auch keinen Winter mochte), dieses Aufgehen so ganz im Hier und Jetzt, als gäbe es kein (kälteres) Morgen, hat auch etwas Opportunistisches. Man vermisst eine gewisse intellektuelle Reserve gegenüber den Launen des Wetters, das Bewusstsein von der gleichfalls naturgegebenen Tatsache: Der nächste Winter kommt bestimmt, möglicherweise noch in diesem. Denn, Herr, noch ist es Zeit.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

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