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Frühkritik: Sandra Maischberger : Der Geruch von Mottenkugeln

  • -Aktualisiert am

Maschmeyer gestern bei Maischberger Bild: dpa

Sandra Maischberger hatte am Dienstagabend den Verlobten von Veronica Ferres zu Gast: Carsten Maschmeyer. Es wurde ihre beste Sendung seit Jahren.

          Es war ein Samstag vor den Landtagswahlen. Am 28. Februar 1998 fiel dem Zeitungsleser beim Frühstück fast das Brötchen aus der Hand. In einer ganzseitigen Anzeige stand zu lesen: „Der nächste Kanzler muss ein Niedersachse sein.“ Darunter die Bilder der bisherigen Bundeskanzler, versehen mit einem Untertitel: Kein Niedersachse. Erst Jahre später ist der Auftraggeber dieser Anzeige bekannt geworden: Der Finanzdienstleister Carsten Maschmeyer. Diese unverhohlene Parteinahme zugunsten Schröders und gegen das damalige CDU-Talent Christian Wulff war eine Sensation gewesen – und hatte ihren Anteil an Schröders Wahlsieg und seiner Nominierung zum SPD-Kanzlerkandidaten am Wahlabend des 1. März 1998.

          Carsten Maschmeyer bestreitet, dass Schröder etwas davon gewusst habe, so auch an diesem Dienstag Abend bei Maischberger. Der Schröder-Kritiker und langjährige Sozialpolitker der SPD Bundestagsfraktion, Rudolf Dreßler, äußerte seine Zweifel an dieser Version. Nachweisen lässt sich das nicht. Allerdings ist es auch nicht wichtig. An dieser Anzeige erkennt man nämlich die Qualitäten des Carsten Maschmeyer. Sie erscheinen wie in einem Brennglas. Er hatte ein klares Ziel, das er bei Maischberger noch einmal deutlich machte: Den damaligen SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine als Kanzlerkandidaten zu verhindern.

          Zugleich kannte er die Bedeutung dieser Wahl für die Nominierung und holte mit dieser Anzeige den Wähler dort ab, wo jeder Kunde am Besten zu überzeugen ist: bei seinen emotionalen Bedürfnissen. Ein guter Verkäufer sorgt dafür, dass der Kunde seine Emotionen mit dem angebotenen Produkt identifiziert. In diesem Fall hieß das Gerhard Schröder. So wie in dieser Anzeige handelte Maschmeyer in seinem gesamten Berufsleben als Verkäufer. Er ist ohne Zweifel ein Ausnahmetalent. Mehr muss man allerdings auch nicht wissen, um seinen Erfolg zu verstehen. Wie formulierte das Maschmeyer so schön: „Die meisten Menschen haben kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem.“

          Maschmeyers Poesiealbum

          Gute Verkäufer sind Menschen, die sich selbst verkaufen können und darüber ihr Produkt. Sie sind daher eine absolute Mangelware, genauso wie gute Entertainer im deutschen Fernsehen. Maschmeyer weiß das natürlich. Seine Erzählungen über Fleiß, Fortbildung und Enthaltsamkeit in Form des Konsumverzichts sind das kleinbürgerliche Standardprogramm des „Parvenüs“ zur Erklärung seines Erfolgs. So bezeichnete die frühere „Bunte“-Chefredakteurin Beate Wedekind den Verlobten der Schauspielerin Veronica Ferres.

          „Rückschläge sind Vorschläge für die Zukunft.“ Seine Rhetorik setzt sich aus solchen Worthülsen zusammen, die wir aus den Poesiealben früherer Zeiten kennen. Diese Poesiealben haben für die Mädchen von einst einen immateriellen Wert, weil sie mit Erinnerungen verbunden sind. Für Maschmeyer gibt es keine immateriellen Werte, seine Welt besteht aus Soll und Haben. Frau Maischberger kitzelte das mit ihrer Interviewtechnik aus ihm heraus. So spricht Maschmeyer nicht ohne Grund von „Schulden“ und „Guthaben“, die bei seinem Networking anfallen. Sympathie und Vertrauen, er benutzte beide Begriffe, muss der Verkäufer erwerben. Das ist harte Arbeit, wenn er an sein Ziel kommen will. Wer sie wie Maschmeyer 30 Jahre lang betreibt, wird die Folgen spüren. Sie gehen nicht spurlos an einem vorbei.

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