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Frühkritik: Günther Jauch : Keine Sendung bis Mitternacht

  • -Aktualisiert am

Günther Jauch Bild: dpa

Jauchs Sendung zur Bundesversammlung war hoffentlich die Letzte zum Thema Bundespräsident. Es ist nicht mehr zu ertragen. Wir sollten Gauck nun arbeiten lassen.

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          Ein Politiker, der vor der Wahl ausführlich mit Gauck geredet hatte, erzählte anschließend beeindruckt: „Nach einer halben Stunde wusste ich zwar nicht, was er gesagt hat - aber es war sehr schön.“ So schreibt es Heribert Prantl in der „Süddeutschen Zeitung“. Nun hat die Exegese Gauckschen Schrifttums in den Wochen seit dem Rücktritt von Christian Wulff einen beeindruckenden Umfang angenommen. Bisweilen erinnerte es an die sogenannte Kreml-Astrologie früherer Zeiten. Damals hatten Experten für „Sovjet-Russland“, so artikulierte das etwa Konrad Adenauer, jede Zeile aus dem Kreml auf tiefere Einsichten hin untersucht. Der Herausgeber des „Spiegel“, Rudolf Augstein, sah das als Kolumnist Jens Daniel immer anders als Adenauer. Das waren noch Zeiten als jeder wusste, warum Augstein ein Nationalliberaler und Adenauer ein rheinbündlerischer Katholik gewesen waren.

          Das interessierte am Sonntag aber noch nicht einmal mehr den früheren bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, war er doch vom Geist der Ökumene beseelt. Stoiber war bei Jauch zu Gast, genauso wie der Chefredakteur des heutigen „Spiegel“, Georg Mascolo. Letzterer ist ein wohl erzogener Mann. Er fragte den Gastgeber, ob er dem ebenfalls anwesenden Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler eine Frage stellen dürfe. Dessen Antwort ignorieren wir genauso wie die Frage, obgleich Hans-Jochen Vogel, einer der Vorgänger des heutigen SPD-Vorsitzenden, Rösler versicherte, dass er ihn ernst nehme. Immerhin.

          Dafür klärte uns Mascolo darüber auf, was unter einem „linken, konservativen Liberalen“ zu verstehen sei, so die bekannte Formel des neuen Bundespräsidenten: Nämlich „ein rechter Sozialdemokrat“, so zitierte er Gauck aus seinen früheren Gesprächen mit ihm. Mascolo berichtete dem Zuschauer zudem, wie sehr Gauck nach dem Ende seiner Tätigkeit bei der Stasi-Unterlagenbehörde auf eine Einladung in die Politik gehofft habe. Sie kam nicht. Wahrscheinlich waren die Sozialdemokraten zu der Zeit wieder einmal mit der Suche nach einem neuen Vorsitzenden beschäftigt gewesen.

          Die schiefe Ebene in der Debatte

          Mascolo definierte auch ansonsten die Leitlinie der Sendung. Er kann es ebenso wie die anderen Gäste in der Sendung kaum erwarten, dass ihm der Bundespräsident in den nächsten fünf Jahren die „Leviten liest“. Ob die Bürger, die Politiker oder die Medien - Gauck wird in seiner neuen Funktion auf Lesereise ein weites Feld zu beackern haben. Nun hat die Vorstellung eine gewisse Komik, dass etwa ein Rudolf Augstein eine ähnliche Erwartung formuliert hätte. Aber lassen wir diese Sentimentalität eines mittlerweile älter gewordenen Fernsehkritikers.

          Ihn verwunderte nur die Aussage Mascolos, dass „Gauck schon in die Liga von Helmut Schmidt aufgestiegen“ wäre. Sind Bundespräsidenten in ihrer Wirkung tatsächlich mit solchen Großpublizisten zu vergleichen? Nach diesem Kriterium wäre wahrscheinlich jeder der bisherigen Bundespräsidenten als gescheitert zu betrachten. Auf diese schiefe Ebene haben uns erst die beiden Alt-Bundespräsidenten Köhler und Wulff gebracht, die jeder auf ihre Art das Amt herunter gewirtschaftet haben – und damit erst die grotesken Erwartungen erzeugt haben, die ein Mascolo gestern formulierte.

          So missglückten selbst die Rückgriffe auf die jüngere deutsche Geschichte. So erzählte Vogel eine nette Geschichte über die Wiederwahl des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 23. Mai 1989. Die Sozialdemokraten hätten den vormaligen CDU-Kandidaten als Erster vorgeschlagen, weil sie „von ihm überzeugt“ gewesen wären. Edel, hilfreich und gut, so waren die Sozialdemokraten schon immer. Leider machten sie damals vor allem diesen Vorschlag, um den Kanzler Helmut Kohl zu ärgern. Der wäre von Weizsäcker nämlich liebend gerne los geworden, konnte das aber nicht mehr durchsetzen, angesichts dieses Edelmuts des damaligen SPD-Vorsitzenden Vogel.

          Frau Lötzsch ohne Telefonjoker

          So blieb es dem neunzig Jahre alten CDU-Mitglied der Bundesversammlung Günter-Helge Strickstrack vorbehalten, die Proportionen wieder zurechtzurücken. „Wird Gauck seine Ecken und Kanten abschleifen müssen?“, so fragte ihn Jauch. „Das wird er selber machen“, antwortete der CDU Senior, „Er weiß, dass er sich seinem Amt anpassen muss. Davon bin ich überzeugt.“

          Auf diese Einsicht hofft offenkundig auch die Vorsitzende der Linken, Gesine Lötzsch. Zwar konnte sie nicht plausibel begründen, warum ausgerechnet die bekennende Sarkozy-Anhängerin Beate Klarsfeld ihr wichtigstes Thema „Soziale Gerechtigkeit“ besser als Joachim Gauck verkörpern würde. Sie konnte ebenfalls nicht erklären, was Frau Lötzsch eigentlich mit Frau Klarsfeld über den rechtspopulistischen Wahlkampf Sarkozys besprochen haben könnte. Aber sie musste das auch gar nicht beantworten. Jauch hatte nämlich gar nicht danach gefragt.

          Stattdessen kam er auf die merkwürdige Idee von Frau Lötzsch wissen zu wollen, ob sie sich denn jetzt nicht auch über Gauck freuen könne. Nun ist Freude bei „Wer wird Millionär?“ ein relevantes Kriterium. Dort hat man bekanntlich einen Telefonjoker. Den hatte Frau Lötzsch gestern Abend zwar nicht. Aber sie konnte von Herrn Gauck berichten, dass er ihr zum Thema „Soziale Gerechtigkeit“ gesagt habe, „er arbeite daran.“

          Das 3. Buch Mose als Lektüre des Bundespräsidenten?

          Ansonsten konnte man darüber beruhigt sein, dass diese Sendung nicht bis Mitternacht dauerte. Jauch hatte angesichts der Debatte bisweilen den Eindruck. Rösler wusste noch etwas von der „professionellen Arbeitsebene“ mit der Bundeskanzlerin nach seinem bemerkenswerten Interview bei Lanz zu berichten. Jauch fasste ihn nicht an, was ihn dann doch vom neuen „Wetten, dass“ Moderator unterscheidet. Der ist bekanntlich immer auf Tuchfühlung.

          So ging diese Sendung mit einer Hoffnung zu Ende. Dass es endlich die letzte Sendung zum Thema Bundespräsident gewesen ist. Jetzt haben wir einen – und sollten ihn arbeiten lassen. Neben seinen protokollarischen Verpflichtungen wird ihm noch Zeit zum Lesen der Leviten bleiben. In der Bibel findet man die entsprechenden Kapitel im 3. Buch Mose. Auf Gaucks interessante Reden wird sich der Bürger hoffentlich trotzdem freuen dürfen. Solche Talk-Shows kann er sich allerdings sparen. Aber Jauch wird sicherlich erst in fünf Jahren wieder über den Bundespräsidenten reden wollen. Dann endet bekanntlich seine Amtszeit.

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