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Frühkritik: Günther Jauch : Keine Sendung bis Mitternacht

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So missglückten selbst die Rückgriffe auf die jüngere deutsche Geschichte. So erzählte Vogel eine nette Geschichte über die Wiederwahl des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 23. Mai 1989. Die Sozialdemokraten hätten den vormaligen CDU-Kandidaten als Erster vorgeschlagen, weil sie „von ihm überzeugt“ gewesen wären. Edel, hilfreich und gut, so waren die Sozialdemokraten schon immer. Leider machten sie damals vor allem diesen Vorschlag, um den Kanzler Helmut Kohl zu ärgern. Der wäre von Weizsäcker nämlich liebend gerne los geworden, konnte das aber nicht mehr durchsetzen, angesichts dieses Edelmuts des damaligen SPD-Vorsitzenden Vogel.

Frau Lötzsch ohne Telefonjoker

So blieb es dem neunzig Jahre alten CDU-Mitglied der Bundesversammlung Günter-Helge Strickstrack vorbehalten, die Proportionen wieder zurechtzurücken. „Wird Gauck seine Ecken und Kanten abschleifen müssen?“, so fragte ihn Jauch. „Das wird er selber machen“, antwortete der CDU Senior, „Er weiß, dass er sich seinem Amt anpassen muss. Davon bin ich überzeugt.“

Auf diese Einsicht hofft offenkundig auch die Vorsitzende der Linken, Gesine Lötzsch. Zwar konnte sie nicht plausibel begründen, warum ausgerechnet die bekennende Sarkozy-Anhängerin Beate Klarsfeld ihr wichtigstes Thema „Soziale Gerechtigkeit“ besser als Joachim Gauck verkörpern würde. Sie konnte ebenfalls nicht erklären, was Frau Lötzsch eigentlich mit Frau Klarsfeld über den rechtspopulistischen Wahlkampf Sarkozys besprochen haben könnte. Aber sie musste das auch gar nicht beantworten. Jauch hatte nämlich gar nicht danach gefragt.

Stattdessen kam er auf die merkwürdige Idee von Frau Lötzsch wissen zu wollen, ob sie sich denn jetzt nicht auch über Gauck freuen könne. Nun ist Freude bei „Wer wird Millionär?“ ein relevantes Kriterium. Dort hat man bekanntlich einen Telefonjoker. Den hatte Frau Lötzsch gestern Abend zwar nicht. Aber sie konnte von Herrn Gauck berichten, dass er ihr zum Thema „Soziale Gerechtigkeit“ gesagt habe, „er arbeite daran.“

Das 3. Buch Mose als Lektüre des Bundespräsidenten?

Ansonsten konnte man darüber beruhigt sein, dass diese Sendung nicht bis Mitternacht dauerte. Jauch hatte angesichts der Debatte bisweilen den Eindruck. Rösler wusste noch etwas von der „professionellen Arbeitsebene“ mit der Bundeskanzlerin nach seinem bemerkenswerten Interview bei Lanz zu berichten. Jauch fasste ihn nicht an, was ihn dann doch vom neuen „Wetten, dass“ Moderator unterscheidet. Der ist bekanntlich immer auf Tuchfühlung.

So ging diese Sendung mit einer Hoffnung zu Ende. Dass es endlich die letzte Sendung zum Thema Bundespräsident gewesen ist. Jetzt haben wir einen – und sollten ihn arbeiten lassen. Neben seinen protokollarischen Verpflichtungen wird ihm noch Zeit zum Lesen der Leviten bleiben. In der Bibel findet man die entsprechenden Kapitel im 3. Buch Mose. Auf Gaucks interessante Reden wird sich der Bürger hoffentlich trotzdem freuen dürfen. Solche Talk-Shows kann er sich allerdings sparen. Aber Jauch wird sicherlich erst in fünf Jahren wieder über den Bundespräsidenten reden wollen. Dann endet bekanntlich seine Amtszeit.

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