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Frühkritik: Günther Jauch : Ein Stück in vier Akten

  • -Aktualisiert am

Zwei Berufspolitiker und ein „Gesellschaftskünstler“: Christian Lindner (l.), Norbert Röttgen (M.) und der Politische Geschäftsführer der Piratenpartei, Johannes Ponader Bild: DPA

Kann man im Wahlkampf das Wiener Kaffeehaus mit dem Web 2.0 und Aktionstheater kombinieren? Es kommt auf die Inszenierung an. Bei Jauch war es zu erleben.

          Am Sonntag war nichts passiert. Oder doch? Im „Tatort“ starb der Kommissar. Anschließend gab es einen Blick auf die kommende Talkshow des Abends. Wir sehen einen Mann mittleren Alters, der sich in Sandalen ohne Socken auf einen Sessel lümmelt, das Smartphone in der Hand. Er will via Twitter mit seinen Followern über die Sendung kommunizieren, während er in der Sendung selbst zu Gast ist. Er heißt Johannes Ponader und ist neuerdings politischer Geschäftsführer der Piraten. „Ist der noch ganz bei Trost?“ Diese Frage stellte man sich unwillkürlich. Aber dann kam die Tagesschau und berichtete von den Ereignissen des Tages. Vom Tod des Kommissars war nicht die Rede.

          Zurück zu Günther Jauch. Wir sehen wieder Ponader. Das Thema der Sendung? „Wahlschlacht, die Erste – Piraten entern, Liberale im Aufwind?“ Es gab bekanntlich Wahlen in Schleswig-Holstein. Das neue Gesicht der Piraten wird jetzt in einem Einspieler vorgestellt. Er stammt aus München. Abiturdurchschnitt Eins-Null. Studium mit einem Stipendium für Hochbegabte. Den Handstand kann er auch. Er nennt sich „Gesellschaftskünstler“. Hier seien Beruf und Privatleben nicht zu trennen. Bei den twitternden Basisdemokraten sind leitende Funktionen in der Partei ehrenamtlich. Wovon Ponader dann lebe, so die Frage von Jauch. Ponader ist eine Persönlichkeit aus der Berliner Gegenwartskultur. Schauspieler und Regisseur. Dramaturg? Er beziehe als Freiberufler Einnahmen und bekäme außerdem „Sozialleitungen“. Neue Frage, die die Alte ist: Ob Ponader davon leben könne? Er bekäme „Sozialleistungen“. Jauch fragt wieder nach, nennt das böse Wort: „Also Hartz IV?“

          „Sozialleistungen“, antwortet Ponader erneut, um schließlich sozialpolitisch korrekt vom ALG 2 zu reden. Das böse Wort kam ihm nicht über die Lippen.

          Weil Politik auf Wirklichkeit trifft?

          Wir haben einen hochbegabten Menschen, der weder ein Paar Halbschuhe noch die passenden Socken hat? Dem man wirklich erklären muss, wie man sich auf einen Sessel setzt? Und dafür mit rhetorischem Geschick die Klippe umschifft, warum eigentlich ein solcher Mann ergänzendes ALG 2 braucht. Diese Fragen stellte niemand der anderen Gäste, etablierte Politiker mit den bekannten Einkommen aus Politik als Beruf.

          Soviel Rücksichtnahme lässt auf Irritation schließen. Weil Politik auf Wirklichkeit trifft? Einen Mann in einer leitenden Position ohne eigenes Einkommen und auf Grundsicherungsniveau traf man bisher selten. Ponader hat für sich das bedingungslose Grundeinkommen schon verwirklicht. Dem Arbeitsmarkt wird er nämlich kaum zur Verfügung stehen. Insoweit ist ein auskömmliches Erwerbseinkommen nicht in Sicht. Oder doch? Ponader verwies auf den Trend zur „Professionalisierung“ der Piratenpartei. Es seien durch den Einzug in Landtage und bald in den Bundestag viele Funktionen für Berufspolitiker zu erwarten. Gut zu wissen.

          Sie diskutieren, ohne groß gestört zu werden

          Aber es wurde auch inhaltlich diskutiert. Renate Künast, seit Ewigkeiten für die Grünen gut bezahlt in diversen Funktionen tätig, wies auf das entsprechende Bedürfnis hin. Sie wolle hier nicht nur die ganze Zeit über Piraten diskutieren. Christian Lindner, FDP-Hoffnung für NRW am kommenden Sonntag, beendete gar den „Welpenschutz“ für Piraten. Er erläuterte die fehlende Gegenfinanzierung der diversen Piratenvorschläge. Norbert Röttgen (CDU), ebenfalls in NRW aktiv, kämpfte wacker mit dem großen Thema Schuldenpolitik. Er stand allerdings auf verlorenem Posten. Jauch hatte ihn nach seiner Zukunft in NRW gefragt. Röttgen kann diese Frage schlecht beantworten, wie jeder weiß. Die NRW-CDU neigt nicht zu großer Toleranz mit einem Wahlverlierer, den die Funktionäre in Partei und Landtagsfraktion nicht als Landesvorsitzenden gewollt hatten. Er war von den einfachen Mitgliedern gewählt worden, völlig basisdemokratisch und ohne Twitter. Darauf hinzuweisen, unterließ er allerdings. Kein Wunder: Basisdemokratie und „professionelle“ Strukturen können sich schon einmal ins Gehege kommen.

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