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Frühkritik: Günther Jauch : Ein Stück in vier Akten

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Jauch kannte dafür Röttgens Zukunft nach der NRW-Wahl: „Er bleibt in Berlin, sagt es aber nicht.“ Röttgen empfand das als „unfair“. Transparenz ist tatsächlich in Wahlkämpfen unfair. Sie stört die strategischen Überlegungen der Berufspolitiker. Ponader saß mittlerweile wie ein bayerischer Musterschüler auf seinem Sessel und hörte sich die anderen Gäste an. Dort ging es um Schuldenpolitik - und um Schlecker. Wir erinnern uns: Das ist jener insolvente Drogerie-Fachmarkt mit den arbeitslos gewordenen „Schlecker-Frauen.“ Christian Lindner, laut Selbstauskunft lediglich „der Botschafter liberaler Themen“, also der Stellvertreter Ponaders in der FDP, hatte bei dem Thema tatsächlich alle Argumente auf seiner Seite. Neben Künast bemühten sich Gregor Gysi von der Linkspartei und der Berliner Oberbürgermeister Klaus Wowereit (SPD) um eine Widerlegung der liberalen Position. Sie verwiesen auf die „Finanztransaktionssteuer“ (Frau Künast) oder auf die plötzlich entdeckte Zuneigung der Liberalen zur „Bundesagentur für Arbeit“ (Wowereit). Sie diskutierten, ohne von Jauch groß gestört zu werden.

Anti-Politiker ohne Socken

Jauch fasste die Debatte schließlich zusammen: „Sie ahnen gar nicht, wie sehr sie dem Mann hier helfen.“ Er meinte den neben ihm brav sitzenden Ponader. Der kam mit Erkenntnissen aus dem Repertoire für Sonntagsreden zu Wort: „Da hieß es Inhalte – und sie fallen übereinander her.“ Den Piraten dagegen ginge es um einen „konstruktiven Dialog um die richtige Lösung.“ Gelacht hat niemand. Warum eigentlich nicht? Kein Berufspolitiker will in Wahlkämpfen nach konstruktiven Lösungen suchen. Sie wollen ihre Sicht der Dinge durchsetzen – und werden alles ausblenden, was nicht in diese Perspektive hineinpasst. Das machen sie nicht aus böser Absicht. Sie wissen genau, dass die meisten Wähler Selbstkritik zwar theoretisch für richtig halten, aber an der Wahlurne nicht belohnen.

Die Piraten vermitteln den Eindruck, das könnte anders sein. Sie entlarven Wahlkämpfe mit ihren Sonntagsreden als Inszenierung. Der hoch talentierte Ponader weiß das natürlich. Er inszeniert sich als Anti-Politiker in Sandalen und ohne Socken. Er begreift die Politik nicht als politischen Diskurs, sondern als Theater, das genügend Wähler nicht mehr sehen wollen. Die Piraten bedienen ein Segment auf dem Wählermarkt.

Eine Inszenierung

Wie in jedem guten Stück gab es schließlich das dramatische Ende. Das Bild wurde schwarz, man hörte lautes Rufen, plötzlich ist der Platz von Jauch leer. Man hört nur seine Worte: „Hier wird niemand wie in der Ukraine einfach heraus gehauen. Holen sie den Mann zurück!“ Er geht zurück zu seinem Platz und fragt: „Worum geht es eigentlich?“ „Um den Neubau der Ernst-Busch Schauspielschule“, so die Antwort von Wowereit. Das wird kaum ein Zuschauer mitbekommen haben. Plötzlich steht ein junger Mann vor Jauch. Dieser hält ihm mit leisen Tönen eine Standpauke. Man dürfe ihn nicht mit Gewalt aus der Sendung werfen. Darauf habe er einen Anspruch. Aber er dürfe auch nicht mit Gewalt versuchen, sein Thema durchzudrücken. Jauch sagte, was zu sagen war. Man kann es nicht besser formulieren.

Mittlerweile diskutierten die Berliner Politiker ein Thema, das außerhalb Berlins niemand verstanden haben dürfte. Es wird sicherlich kaum jemand so schnell begriffen haben, was dort eigentlich passiert war. Wurde hier jemand wegen seiner Zwischenrufe rausgeworfen? Dieser Eindruck musste entstehen. Das Gegenteil war der Fall. Der unbekannte junge Mann war laut rufend Richtung Bühne gelaufen – und von den Sicherheitsbeamten Wowereits gestoppt worden. Das ist ein zu erwartendes Verhalten. Das musste jeder wissen, der einen solchen Zwischenfall plant. Es war eine Inszenierung. In der Online Ausgabe des Berliner Tagesspiegel war wenige Minuten nach dem Zwischenfall der Hintergrund zu lesen. Bemerkenswert.

Was war noch passiert?

Wir erlebten am Sonntagabend ein Stück in vier Akten. Ponader inszenierte sich als Anti-Politiker in der Maskerade des „Gesellschaftskünstlers“. Die Berufspolitiker spielten ihr altes Stück namens Wahlkampf. Der Berliner Schauspielschüler machte Aktionstheater im Namen von wem auch immer. Und Günther Jauch? Er präsentierte eine interessante Talkshow. Was war noch passiert? Wahlen in Frankreich und Griechenland. Nur Gysi machte den schüchternen Versuch, darauf hinzuweisen. Sie können nicht so wichtig gewesen sein. Die Bundeskanzlerin wird es mit Interesse zur Kenntnis nehmen.

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