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Alzheimer-Patientin tanzt : Mit den Muskeln hören

  • -Aktualisiert am

Sie tanzt nicht zu Tschaikowsky

2007 hatte der britische Neurologe und Bestsellerautor Oliver Sacks bereits das Buch „Musicophilia. Tales of Music and the Brain“ veröffentlicht, zu Deutsch „Der einarmige Patient. Über Musik und das Gehirn“. Darin zitiert Sacks im Vorwort Friedrich Nietzsches Satz „Wir hören Musik mit unseren Muskeln“, ein Satz, der in besonderer Weise auf Tänzer zutrifft, und zwar bis an ihr Lebensende, wie Marta González’ Video demonstriert. An die therapeutische Kraft der Musik bei der Behandlung von dementen oder an Parkinson erkrankten Menschen glaubte der 2015 verstorbene Oliver Sacks nach seinen jahrelangen Patientenbeobachtungen unbedingt. Selbst der, wie er oft sagte, „am wenigsten Musikalische in einer sehr musikalischen Familie“ – Brüder und Eltern musizierten auf Konzertniveau – liebte im Alter von fünf Jahren am meisten „geräucherten Lachs und Bach“.

Das könnte im Fall der Ballerina auch noch eine Rolle gespielt haben – wie Sacks sind die meisten Tänzer noch nicht einmal eingeschult, wenn sie häufige Wiederholungen bedeutender Kompositionen hören. Einem Interviewer spielte Sacks einmal A-cappella-Musik und ein Männergesangssolo vor, um zu belegen, wie sein Patient Woody, ein an Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium leidender alter Mann, der weder wer, warum noch wo mehr benennen konnte, doch imstande war, Gesangsstücke vorzutragen und ganze Chorproben zu leiten. Bei der Musikerkennung, so Sacks, spielt das Verhaltensgedächtnis eine große Rolle, ein Teil des Gehirns, der lange ungeschädigt erhalten bleibt.

Nicht „Schwanensee“, nicht Marta C. González

Vielleicht also war es ganz richtig, Marta C. González’ letzten Auftritt vor einer Kamera zu veröffentlichen. Was sicher nicht nötig ist, ist die falsche Identität, mit der sie prominenter gemacht werden sollte, als sie wohl eigentlich war. Wirkt die Botschaft der alten Frau weniger berührend oder wichtig, wenn man weiß, dass sie, anders als das Video suggeriert, nie im „New York City Ballet“, einer der fünf berühmtesten Companies der Welt, getanzt hat? Das Buch „Tributes – Celebrating Fifty Years of New York City Ballet“, in dem alle Alumni des NYCB zwischen 1948 und 1998 aufgelistet sind, kennt weder eine Marta C. González noch eine Marta Cinta – unter diesem Namen soll die Dame der Companie in den sechziger Jahren angehört haben. Und die Schwarzweißaufnahmen einer auf Spitze tanzenden Ballerina, die zwischen die Aufnahmen der Musik hörenden und mit Fingern und Blicken tanzenden alten Frau geschnitten sind, zeigen nicht sie, sondern Ulyana Lopatkina, eine wirkliche Primaballerina des St. Petersburger Mariinsky-Balletts. Sie tanzt auch keinen Auszug aus „Schwanensee“, sondern aus dem „Sterbenden Schwan“ nach dem „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saëns.

Die Stiftung „Musica para despertar“ entschuldigte den Fake: Man habe über keine Tanzaufnahmen von Gonzalez verfügt. Der Zweck, mit Empathie und Schönheit Geld für Gutes zu sammeln, heiligt nicht das Mittel des Diebstahls von Lopatkinas Identität. Wer mit einem bewegenden individuellen Schicksal wirbt, sollte die Rechte des Individuums am eigenen Bild respektieren. Lopatkina ist weltberühmt und bestens zu erkennen. Für manche ist es eine Neuigkeit, dass eine Ballerina gar nicht wie die andere aussieht.

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