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Fritz J. Raddatz zum 80. Geburtstag : Härchen in der Nase, Gartenzwerge im Sinn

  • -Aktualisiert am

Raddatz als zwanzigjähriger Student vor der Humboldt-Universität in Berlin Bild: Rowohlt

Champagner, Liebe und Geschwindigkeit - dieser Mann weiß sein Leben zu nutzen. Und wir können ihm dabei zusehen: Zu seinem achtzigsten Geburtstag erscheinen nun „Die Tagebücher in Bildern“ des Feuilletonisten Fritz J. Raddatz.

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          Na ja, auf den ersten Blick wirkt sein neues Buch ein bisschen so, wie das Foto-Album eines Pizzeria-Besitzers, der sich ein Leben lang neben den berühmten Gästen seines Restaurants fotografieren ließ. Nur sind die Stars dieses Buches nicht Giovanni Trapattoni, Paolo Rossi und Michael Schumacher, sondern Walter Kempowski, Hildegard Knef, Susan Sontag, immer wieder Günter Grass und vor allem auch er selbst: Fritz J. Raddatz, der heute seinen achtzigsten Geburtstag feiert. Das Buch heißt „Die Tagebücher in Bildern“ und erscheint bei Rowohlt.

          Es sind die Bilder seines Lebens, und wenn man schon nach der Lektüre seiner Tagebücher den Eindruck einer kolossalen Weltgeselligkeit gewinnen konnte, so hat man hier den fotografischen Beweis dafür, und der schöne raddatzprahlende Lebensbilanzsatz, den er einmal nebenbei in einem Gespräch fallenließ: „Ich kannte ja die ganze Moderne persönlich“, ist offensichtlich beinahe wahr: Ja, er kannte sie, und die Moderne kannte ihn.

          Es der Welt noch einmal zeigen

          Auf den meisten Bildern gibt es genau einen, der weiß, wo die Kamera steht, und das ist er. Manchmal muss er sich etwas mühsam ins Bild drängen, wenn zwei Bedeutungsmänner wie etwa Hans Magnus Enzensberger und George Tabori eher so unter sich reden, mal sitzt er als stiller Zuhörer am Rand wie auf dem Bild mit Günter Grass, Max Frisch und ihren Frauen, auf dem die ganze Runde im Tabakqualm versinkt und nur einer den Überblick behält und lauscht. Mal steht er als Statue im Bild wie im Garten von Walter Kempowski. Dazu muss man unbedingt die Tagebuchpassage lesen, die im Buch gleich neben dem Foto steht, in der er sich bitter beklagt über die „3.000 Tannen, Riesen-Felder, Gartenzwerge und Eichenanpflanzungen“, die Kempowski ihm stolz präsentiert hatte. Er, Raddatz, habe nur „drei Tannen auf Sylt“ und seufzt: „Wie falsch muss ich ,investiert‘ haben.“

          Hier hat ihm Günter Grass 1988 in seinem Haus in Portugal etwas gekocht

          Also das wissen wir jetzt natürlich nicht, wie falsch dieser Raddatz investiert hat. Die Welt, in der er lebt, in Hamburg an der Alster, wirkt auf uns eigentlich sehr prächtig. Doch das Klageführen gehört zu diesem Mann immer unbedingt dazu. Es ist so eine Art Lebensritual, wahrscheinlich zum Zweck, sich selbst immer wieder neu zu motivieren, es der Welt noch einmal zu zeigen, noch größer zu leben, noch reicher, noch geselliger. Denn im Ernst wollte er die Tannen und die Gartenzwerge von Kempowski wohl nicht einmal geschenkt.

          Champagnerrausch der Begeisterung

          Fritz J. Raddatz hat ein Erfolgsleben geführt und führt es noch. Mit zweiundzwanzig Jahren war er schon Leiter der Auslandsabteilung des DDR-Verlages „Volk und Welt“, mit neunundzwanzig, nach seiner Übersiedelung in die Bundesrepublik, war er Stellvertreter und engster Mitarbeiter von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, von 1976 bis 1985 leitete er das Feuilleton der „Zeit“. Als er seine skeptischen Redakteure zu einer ersten Konferenz um sich versammelte, fragte ihn der Theaterredakteur Benjamin Henrichs nach seinem Konzept. Raddatz erstaunt: „Konzept? Hab’ ich keins. Aber ich habe Härchen in der Nase.“

          Raddatz war und ist ein Spürnasen-Feuilletonist, Themenfinder und -erfinder, Bewegungsmelder, eilig, neugierig, manchmal flüchtig, immer einen Schritt voraus, von einer Selbstbegeisterung, die die Menschen, die mit ihm arbeiteten, oft in einen Taumel der Mitbegeisterung riss. Am Ende jeder Feuilleton-Produktion schenkte er Champagner aus, den er gekauft hatte, um sich selbst und allen zur phantastischen Arbeit der Woche zu gratulieren. Dass sich allerdings nicht jeder in diesen Champagnerrausch der Begeisterung hineintrinken lassen wollte, hat sein Nachfolger Ulrich Greiner diese Woche im Feuilleton der „Zeit“ hanseatisch-trocken beschrieben: „Ich gestehe, dass mir das eiskalte Getränk nicht selten unangenehm aufstieß, und den Kollegen mag es ähnlich ergangen sein.“

          Ein Buch der Lebensfreude

          So ist der Erregungsfeuilletonist Raddatz in seinem Leben immer wieder gegen Wände gelaufen. Begeisterung, Emphase, Erregbarkeit, Lust am Feuilleton als Weltbewegungsjournalismus – das funktioniert auf Dauer eben nur, wenn man von Menschen umgeben ist, die sich mitreißen lassen. Und die die möglichen Schwächen menschenfreundlich übersehen. „Ich fliege ja immer irgendwo raus“, sagt Raddatz etwas selbstmitleidig. Aber vorher ist er eben immer irgendwo reingeflogen und flog immer wie ein Paradiesvogel in kanariengelben Strümpfen (ja, die dürfen in keinem Raddatz-Text fehlen) in seinem Aufgabenbereich herum und weit darüber hinaus. Und er fliegt ja immer noch. Er arbeitet gerade an einem großen Bestiarium der deutschen Literatur, wie es einst Franz Blei erfunden hat. Die sonderbarsten, buntesten, heitersten, nachdenklichsten Exemplare kann man in dem Bilderbuch seines Lebens in Menschengestalt jetzt schon einmal sehen.

          Und vor allem ihn kann man sehen, inmitten dieser Vögel. Man sieht, wie stolz er ist, da mittendrin zu stehen. Man sieht aber eben vor allem auch, wie verliebt er ist, wie er es genießt, dort zu stehen, wie sehr er mit den Werken, die er bewundert, auch die Schöpfer dieser Werke verehrt. Es ist unglaublich, wie ein Gabriel García Márquez sich da in weißen Slippern, weißem Anzug auf weißem Sessel vor weißer Lampe auf weißem Tischchen in seiner Geisterwelt lümmelt, und Raddatz lächelt, raucht und staunt und hört zu. Es ist ein Liebesbuch und ein Buch der Lebensfreude – bei aller Klage. Unter dem Bild mit Gisela Elsner steht die Erinnerung: „. . . die Elsner mit ihren zahllosen Extravaganzen, die mich im rasenden Porsche umarmte und küßte, weil ich auf ihre Frage ,Warum fahren Sie Zick-Zack?‘ antwortete: ,Ich fahre Kaninchen tot.‘ (in Wahrheit war ich betrunken).“ Er musste da sicher gerade mal wieder den ganzen Champagner der „Zeit“-Redaktion alleine trinken.

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