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Zum Tod von Fritz J. Raddatz : Der bessere Andere

  • -Aktualisiert am

Fritz J. Raddatz ist mit offenem Visier und offenem Herzen durch die Welt gegangen. Immer angriffs- und liebesbereit. Das hat ihm in dem grundsätzlich beleidigungsbereiten Kulturbetrieb viele Verletzungen eingebracht und viele Feinde. Seine Tagebücher sind, neben den spektakulären Party- und Werkstattberichten, vor allem ein Dokument der Enttäuschung: „Sie können nicht mehr lieben.“

Luft unter dem Flügel

Dass die Liebe am Anfang stehen muss, wenn man ein guter Kritiker sein will, das hat er immer gewusst und immer propagiert. Ohne Liebe, ohne Bewunderung, ohne die Gabe, sich erschüttern lassen zu können, beim Lesen oder Betrachten eines Kunstwerks, ist alles nichts. Und dass man etwas weitertragen muss, in dem was man schreibt, in dem was man tut. Dass man auf der Bewunderung für einen Menschen zum Beispiel ein ganzes Leben aufbauen kann. Die Luft unter dem Flügel, die Ledig-Rowohlt ihm pustete, die hat ihn ein ganzes Leben getragen. Er wusste auch, dass man dafür dankbar sein muss, dass das ein Geschenk ist, mit dem man vorsichtig umgehen muss. Es hüten und schützen, vor der Häme um einen herum.

Frank Schirrmacher, der frühere Feuilleton-Herausgeber dieser Zeitung, hat immer wieder betont, dass er niemals Journalist geworden wäre ohne das Erlebnis Fritz J. Raddatz. Ohne diesen Brausekopf, diesen Themenfinder, Menschenentdecker. Der sicher oft seine Texte zu schnell, zu flüchtig schrieb, sich von seinem eigenen Furor mitunter zu sehr mitreißen ließ. Aber was wäre der Preis gewesen, wenn er seine Euphorie immer erst sachlich heruntergekühlt hätte? Marcel Reich-Ranicki hat in dieser Zeitung einmal ein „Zeit“-Dossier, das Raddatz über deutsche Exil-Literatur geschrieben hatte, brutal zerpflückt. Fehler um Fehler wies er dem Konkurrenten aus Hamburg nach. Es blieb nicht viel übrig. Es war ein Desaster. Ja, aber die Fehler gehören zu ihm. Wie viele Langweiler gibt es, die keine Fehler machen?

Zu Raddatz’ achtzigstem Geburtstag hat ihm Marcel Reich-Ranicki hier, an dieser Stelle, gratuliert: „Der Bessere von uns war immer der andere“, schrieb er. Raddatz konnte gar nicht glauben, was er da las. Er rief in der Redaktion an, ob das ein übler Scherz sein solle. Dabei hatte Reich-Ranicki extra dazu geschrieben, die Zweifel des Jubilars schon mit bedenkend: „Ich meine das ernst.“

Was bleibt von Raddatz? Seine Tucholsky-Biographie ist, neben dem neuen Ledig-Buch und den Tagebüchern, sein schönstes Buch. Seine Karl-Marx-Biographie war ihm besonders wichtig. Seine Tucholsky-Werkausgabe ist phantastisch. Er hat Hubert Fichte entdeckt, begleitet, geliebt und groß gemacht, Gisela Elsner, Peter Rühmkorf.

Am Ende hatte er es eilig

Und jetzt das Ledig-Buch. „Wenn Sie wollen, dass ich das noch erlebe, müssen Sie sich beeilen“, hat er dem Verlag gesagt. Er hatte sich viele Jahre vorbereitet, „bis zur Lächerlichkeit vorbereitet“, wie er schrieb. Am Ende hatte er es eilig. Vor einer Woche telefonierten wir noch einmal. Er klang aufgeräumt, fast fröhlich. Ob wir uns noch einmal treffen können, fragte ich. Er sagte ja, dass er aber so viele Termine habe, er melde sich morgen bei mir. Am nächsten Tag bekam ich eine Mail: „Ich bin im Augenblick etwas überlastet und verheddere mich geradezu in Terminen. Deshalb muß ich eine Begegnung hintan schieben. Mit der Bitte um Verständnis und herzlichen Grüßen! Ihr Fritz J. Raddatz“

Verheddert in Terminen. Wie schade, dass er auf das Erscheinen seines letzten Buches nicht mehr warten konnte. Wie gut, dass er gegangen ist, so wie er es wollte. Wie dankbar können wir ihm sein. Für die Luft unter den Flügeln. Für die Liebe.

Domestiken duzt man nicht

Fritz J. Raddatz war ein sensationeller Interviewpartner - wenn man es denn bis zum Interview schaffte. Denn er hatte klare Vorstellungen, wie so etwas abzulaufen hatte. Im Sommer 2012 fragte ich ihn, nach begeisterter Lektüre seiner Tagebücher, ob er sich vorstellen könnte, mit mir für das Magazin der F.A.Z. über Stilfragen zu sprechen.

 

Raddatz antwortete (per Mail!): „Da Sie in Ihrer Anfrage von ,Stilfragen‘ sprechen, liegt mir daran zu betonen: Ich möchte kein Gespräch führen, das sich auf Manschettenknöpfe, Messerbänkchen oder die widerwärtigen Sandalenträger beschränkt. Stil ist für mich ein durchaus erweiterter Begriff und schließt selbstverständlich die weit verbreitete Stillosigkeit mit ein: Darunter verstehe ich sowohl die Verkommenheit der Sprache (vor allem im Journalismus) als auch soziale Stillosigkeit; etwa dass der Milliardär Gerd Bucerius sich zeitlebens weigerte, für seine Redakteure eine Altersversorgung einzurichten, oder dass Helmut Schmidt - seine Sicherheitsbeamten wie persönliches Personal behandelnd - sie etwa kürzlich nach einer internationalen Konferenz ,Rollt mich hier raus‘ anblaffte, als seien sie der Pflegedienst; noch dazu per Domestikenduzerei. Wenn wir uns über diese inhaltliche Skizzierung einigen könnten, stehe ich zur Verfügung. Zum Technischen: Ich reserviere in meinem Kalender Freitag, den 17. August, 16.00 Uhr und möchte Sie bitten, im Hamburger Grand Hotel Elysée, wo ich bisher alle meine Interviews führte, ein entsprechendes Konferenzzimmer mit Raucherlaubnis auf F.A.Z.-Kosten zu reservieren.“

 

Die Stillosigkeit, hier aus einer Mitteilung, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, zu zitieren, ist im Falle von Raddatz keine wirkliche Stillosigkeit. Zum einen, weil er in meiner Gegenwart selbst die Relativität dieses Begriffs demonstriert hat: Während unseres Gesprächs leckte er sich, formvollendet zwar, aber doch: seine langen Finger ab; kurz zuvor hatte er seinen Tee darüber geschüttet. Zum anderen, weil Raddatz selbst keinerlei Probleme damit hatte, Intimstes von anderen preiszugeben - und erst recht nicht von sich selbst.

 

Letzteres ehrt ihn. Als Journalist, zumal als politischer, ist man es gewohnt, dass Gesprächspartner ihre Interviewaussagen hernach, bei der Autorisierung, glätten, rundschleifen, sinnentleeren. Bei Raddatz war das ganz anders. So pointiert, so spektakulär und ohne Rücksicht auf Verluste war das, was er sagte, dass man schon bei der Abschrift des Interviews geneigt war, selbst abzuflachen, um ihn so vor sich selbst zu schützen. Doch das war ein Missverständnis. Seine Sekretärin, die sprachbegabteste Sekretärin, die ich je kennengelernt habe, wusste das. Denn Raddatz’ Schutz war ja gerade die absolute Offenheit. Geheimnisse hatte es genug gegeben in seinem Leben, vor allem in seiner Kindheit, und die hatten immer nur anderen genützt, dem brutalen Vater etwa, ihn selbst aber so tief verwundet, dass man sich nur davor verneigen kann, was Raddatz daraus gemacht hat. (tifr.)

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