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Baukatastrophe in Berlin : Bauen bis zum finalen Riss?

Die Friedrichswerdersche Kirche im historischen Zentrum Berlins ist seit 2012 geschlossen. Der Neubau von Luxuswohnungen in unmittelbarer Nähe hat zu irreversiblen Schäden an der Kirche geführt. Ein Gespräch mit dem Bauhistoriker Peter Lemburg.

          Herr Lemburg, hat man aus der Katastrophe vor drei Jahren, als es Schinkels Kirche, die immerhin Kriege und die DDR überstand, fast zeriss, gelernt?

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Nur marginal. Immerhin hat man auf Intervention des Denkmalschutzes externe Gutachter eingeschaltet, denen das „Schadenmanagement“ des eindeutig aus Leichtfertigkeit ausgelösten Desasters obliegt. Jeden Tag wird kontrolliert, sie sollen auch die neuen Baumaßnahmen im Osten der Kirche messtechnisch und beobachtend begleiten. Natürlich müssen sie sich genaueste Kenntnisse über die Schadensursache durch die westlichen „Kronprinzengärten“ aneignen. Genauso unabdingbar ist aber auch, dass man – jenseits jeder Kostenfrage – aufgrund dieser Erkenntnisse das die Substanz schonendste Gründungsverfahren für die Baugrube einsetzt.

          Trotzdem fragt man sich, ob das gutgehen kann. Die Fundamente der Kirche wurden damals nur auf der linken Seite verstärkt, die rechte Seite ist im alten Zustand. Was weiß man eigentlich über Schinkels Fundament?

          Selbstverständlich muss die Kirche ein ausgeglichenes Fundament haben. Spätestens dann, wenn die Gebäude hochgezogen werden, muss es auch auf der rechten Seite stabilisiert werden. Bemerkenswert ist, das auch die Fachliteratur wenig zum Fundament der Friedrichswerderschen Kirche sagt, im Gegensatz zu anderen Schinkelbauten. Dass aber die Baugrubenplaner, die links und rechts so dicht an die Kirche heranbauen, darüber keine Kenntnisse haben, ist eher unwahrscheinlich. Sie müssen, wenn sie sorgfältig sind, diese Kenntnisse haben, weil sich daraus die richtige Methode für die Baugrube ableitet. Beim Bau der Kronprinzengärten neben der Kirche hat man daraus leider die falschen Schlüsse gezogen.

          Aber es ist doch zumindest bekannt, dass der Untergrund in diesem Gebiet Gefahren birgt. Hat man die Kirche überhaupt mit einbezogen in die Planungen und den Bauherren entsprechende Auflagen erteilt?

          Nein, das hat man nicht bedacht. Das ist ja mein Vorwurf: Man hat sich eben nicht ausreichend damit beschäftigt, was für Erkenntnisse vorliegen zum Baugrund, sonst hätte man ja nicht das falsche Gründungsszenario mit Bohrpfählen angewendet, das dann zum vorübergehenden Baustopp bei den „Kronprinzengärten“ führte. Hier hat sich wieder einmal gezeigt, dass es zwischen dem allgemeinen Baurecht und dem Denkmalrecht eine beträchtliche Lücke gibt. Wenn es so etwas wie „unvorhersehbare Schadensfolgen“ geben sollte – was die Spezialisten verneinen angesichts umfassender Kenntnisse, die über Jahrhunderte angesammelt wurden, und schonender Methoden – hätte man trotzdem alles tun müssen, um die Unversehrtheit eines so einzigartigen Baudenkmales zu garantieren. Sollten Schäden jedoch nicht kalkulierbar sein, dann dürfte nicht so gebaut werden und das müsste im Baurecht stärker verankert werden.

          Großbaustelle: Der Neubau der Luxuswohnungen hat der Kirche irreversible Schäden zugefügt.

          Es ist ja nicht der erste Fall dieser Art in Berlin, ähnliche Probleme hat es jüngst beim Umbau der Staatsoper gegeben und auf der Museumsinsel. Wussten Architekten früher mehr über den unsicheren Untergrund, auf dem sie bauten?

          Jedenfalls haben sie ihn ernst genommen. Trotzdem gab es auch früher Probleme. Die Bauhistoriker zumindest kennen die Münzturm-Katastrophe, die 1706 zum Sturz des genialen Schlossbaumeisters Andreas Schlüter führten. Er hatte die Fundamente und den Baugrund des auf hundert Meter geplanten Turmes am Schloss falsch eingeschätzt, das Prestigeprojekt wurde abgebrochen. Der König selbst hatte eine hochkarätige Kommission eingesetzt, die Schlüter seine Fehleinschätzungen schonungslos vorhielt. Ein spektakuläres Unglück, das auch eine exemplarische Fallstudie für Verantwortlichkeiten bei Bauten im öffentlichen Raum darstellt, die auch aus heutiger Perspektive interessant ist.

          War das „Planwerk Innenstadt“, auf das die jetzige Bebauung an der Kirche ja zurückgeht, ein Fehler?

          Die Idee, hier nach dem historischen Stadtgrundriss zu bauen, war vielleicht gut gemeint. Vor allem aber einträglich, denn die Grundstücke konnten teuer verkauft werden. Doch wenn man die einst kompakte Stadt dort rekonstruieren will, sollte man auch die alte stadtgesellschaftliche Durchmischung dieses Viertels zur Schinkelzeit oder der nachfolgenden Jahrzehnte berücksichtigen und sie nicht auf eine damals unbekannte Finanzelite reduzieren, denen der kulturelle Wert dieses Ortes völlig egal ist. Die neuen Baumassen degradieren die Kirche – überspitzt formuliert – zu einem notwendigen Übel. Doch der Schutz hochrangiger Kulturwerte sollte oberster Primat sein, was voraussetzt, dass dieser Wert überhaupt erst einmal erkannt und akzeptiert wird. Schinkel hatte 1831 seine Kirche in eine schwierige, schließlich schon vorhandene Stadtlandschaft hineinzukomponieren und hat das mit einer unglaublichen Feinheit und formaler Zurückhaltung bewerkstelligt. Eine Haltung, die die neuen Bauherren vermissen lassen.

          Peter Lemburg ist Bauhistoriker und Vorstandsmitglied des Architekten- und Ingenieur-Vereins zu Berlin, in dem bereits Karl Friedrich Schinkel Mitglied war.

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