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Friedensprozess in Ruanda : Die fast unmögliche Vergebung

  • -Aktualisiert am

Ananias (rechts) hat im Bürgerkrieg Claudines Brüder ermordet. Sie wohnen im selben Dorf. Jetzt sitzen sie sich zum ersten Mal gegenüber. Bild: Augustin Pictures / NDR

Zwanzig Jahre nach dem Bürgerkrieg wohnen in Ruanda Opfer und Täter Haus an Haus. Der NDR zeigt einen besonnenen und trotzdem bewegenden Dokumentarfilm über den langen Weg zur Vergebung.

          Wellars und Innocent haben als Kinder zusammen Fußball gespielt. Während des Genozids der Hutu gegen die Tutsi wurde Innocent beinahe mit einer Machete umgebracht. Wellars hatte den Mob zu ihm geschickt.

          Ananias hat Claudines Brüder lebendig begraben. Weil er selbst noch ein Kind war, wurde er schon nach sieben Jahren Haft wieder aus dem Gefängnis entlassen. Heute begegnen sie sich täglich auf der Straße.

          Brigitte wurde von einer Gruppe Männer vergewaltigt und dabei schwanger. Lilian, ihre inzwischen erwachsene Tochter, leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung.

          Diese drei Geschichten webt der Dokumentarfilm „Ruanda: Unversöhnt“ zum Porträt eines ganzen Dorfes zusammen – es könnte jedes Dorf in Ruanda sein. Auf dem Land weiß jeder, wer die Opfer waren, wer die Täter. „Sie können sich nicht aus dem Weg gehen“, sagt Christophe von der Organisation CARSA (Christlicher Einsatz für Versöhnung und soziale Begleitung in Ruanda), „sie sind aufeinander angewiesen.“

          Unforgiven: Rwanda von Augustin Pictures auf Vimeo.

          Christophe und seine Kollegen bringen Opfer und Täter zusammen. „Wenn Vergebung nach dem Völkermord in Ruanda möglich ist“, sagt Christophe, „dann ist Vergebung überall möglich, egal in welchem Kontext.“

          Der Kontext Ruandas wird nur zu Beginn des Films angerissen. In wenigen Sequenzen wird erklärt, wie es 1994 zum Genozid der Hutu, die die Mehrheit der Bevölkerung ausmachten, an den Tutsi kam. In den Umrissen der Protagonisten laufen einzelne Szenen aus der Vergangenheit des Landes ab. Abgesehen von diesen ersten Minuten kommt der Film ohne historische Bilder aus. Man sieht zwar Macheten, aber sie hacken Holz. Man sieht Rauch, aber er steigt nicht aus angezündeten Häusern auf, sondern aus Eukalyptus, das verbrannt wird, um daraus Holzkohle zu machen, langsam vor sich hin schwelend.

          Man sieht vom Bürgerkrieg, was er hinterlassen hat, die Narben, sichtbar und unsichtbar. „Auch wenn du sagst, ich vergebe dir, selbst wenn du ihnen die Hand schüttelst und sagst, ich vergebe dir, ist es doch fast unmöglich von Herzen zu vergeben“, sagt Innocent, dessen Gesicht von einer Machete entstellt ist und der sich jetzt zusammen mit Wellars, ihn denunziert hatte, um eine Kuh kümmern soll. Sie laufen gemeinsam durch das Dorf, sie teilen die Milch, sie essen zusammen.

          Wellars und Innocent teilen sich die Milch ihrer Kuh.

          Es gibt keinen Erzähler aus dem Off, der einordnet oder gar bewertet. Diese Zurückhaltung, die Ruhe des ganzen Filmes, hebt ihn ab von den Bildern, die normalerweise über unsere Fernsehbildschirme flackern. Es geht hier um Grausamkeit, ja, aber es geht vor allem darum, was diese Grausamkeit mit den Menschen gemacht hat. Der Film lässt die Protagonisten erzählen, und zeigt dazu bedächtige Bilder von weiten Landschaften und Details wie Ameisen, die eine tote Wespe davontragen oder einen Blutstrahl, der nach der Schlachtung einer Kuh den Boden entlang fließt.

          Den größten Schrecken erzeugt das, was man nicht sieht. Man glaubt auf den Gesichtern der Menschen zu sehen, dass sowieso kein Bild an den Horror ihrer Erinnerung herankommen könnte.

          Innocent wurde im Bürgerkrieg fast mit einer Machete getötet.  „Es ist doch fast unmöglich von Herzen zu vergeben“, sagt er.

          Wellars und Innocent kommt der Film am nahesten. Vielleicht ist es auch einfacher, denen nahe zu kommen, bei denen der Versöhnungsprozess schon weit fortgeschritten ist. Es ist einfacher als bei jenen, die noch am Anfang stehen, wie Claudine und Ananias, wo die Bitterkeit überwiegt, und die Sprachlosigkeit.

          „Ich will auch vergeben können“, sagt Claudine. „Manchmal fühle ich mich stark genug dazu, aber am nächsten Tag schon nicht mehr.“ Der Film zeigt ihre erste Begegnung mit Ananias. „Dort“, sagt Filmemacher Lukas Augustin, „wird sichtbar, was es heißt sich zu überwinden und auf den Täter zuzugehen, während die Geschichte von Innocent und Wellars zeigt, was danach passiert, wie schwierig es ist, auf dem Erbe des Bürgerkriegs eine Freundschaft aufzubauen.“

          Beim Dreh für „Ruanda: Unversöhnt“: Interview mit Wellars.

          Technisch ist der Film auch deshalb interessant, weil er komplett mit der Canon C100 gedreht wurde, einem Hybrid aus Film- und Spiegelreflexkamera. Man kann wie bei einer Filmkamera externe Mikrofone anschließen, aber Objektive von Spiegelreflexen verwenden. Die extremen Tiefenschärfen schaffen eine für den Fernsehzuschauer eher ungewohnte Optik. Besonders die Nahaufnahmen und die Szenen im Halbschatten lassen die Stärken der Spiegelreflexkamera zur Geltung kommen. Eben jene Halbschatten machen es mitunter schwer, die Protagonisten auseinander zu halten, wobei das weniger am Unvermögen der Filemacher als an der Schwierigkeit für Europäer liegt, dunkelhäutige Menschen gut voneinander zu unterscheiden.

          Nur in einer einzigen Szene, als zwei der Opfer von der Grabstätte ihrer Verwandten eine Treppe hinauf ins Licht laufen, ist die Symbolik etwas zu bedeutungsschwer. Ansonsten ist es ein unsentimentaler und trotzdem berührender Film über ein schwieriges Thema. Dass es eine Geschichte über Vergebung ist, damit ist zu rechnen. Am Ende aber, und das wird viele Zuschauer überraschen, ist es auch eine Geschichte über Freiheit.

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