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Friedenspreisverleihung : Das große Nicken

  • -Aktualisiert am

Margaret Atwood in Frankfurt Bild: Wonge Bergmann

Die Verleihung des Friedenspreises an Margaret Atwood war eine Veranstaltung, die ohne große Überraschungen zur allgemeinen Zustimmung einlud. Zu neuen Erkenntnissen wurde man allenfalls angestupst.

          3 Min.

          Margaret Atwood ist eine „boshaft kichernde weise Frau“. Sie freut sich und nickt zu jedem Satz, den ihre Laudatorin, die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse, über sie sagt. Dass sie eine präzise Messerwerferin sei und ihr Werk eine „tropische Vielfalt“ besitze, dass sich bei ihr Literatur und gesellschaftspolitische Analyse glücklich verbänden und sie doch in erster Linie Geschichtenerzählerin mit einem Talent zum Hochrechnen und zur Zukunftsvorhersage sei. Und auch, dass Menasse sie energisch aus der etwas schwach beleuchteten „Frauenecke“ herausholt und ins gut angestrahlte Panorama der politischen Gebirgslandschaft stellt, gefällt ihr: Macht und Ohnmacht, Überwachen und Strafe – das seien ihre eigentlichen Themen, nicht nur die Unterdrückung der Frau. Atwood nickt und nickt und lässt sich von Menasse zum Abschluss noch eine zärtlich-lebenskluge Literaturbegründung mit auf den Weg geben: „Indem wir leben, treffen wir ständig Entscheidungen, die Möglichkeiten vernichten, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Nur im Schreiben kann man sie, also die Entscheidungen, wieder lebendig machen.“

          In ihrer zunächst auf Deutsch begonnenen, dann im unaufgeregten Tonfall eines kanadischen Englisch fortgesetzten Dankesrede trifft Atwood dann in der Tat gleich eine folgenreiche Entscheidung, die ihr hinterher leid tun wird: Sie erzählt eine Fabel vom bösen Wolf, der eine Herde von angsterstarrten Kaninchen einschüchtert und zur Abschaffung der Zivilisation zwingt. Er verspricht ihnen das Blaue vom Himmel und Eiscreme auf Bäumen, tut so, als ob sich unter seiner Führung alles zu ihrem Guten wenden würde, aber in Wahrheit nutzt er die totalitäre Machtübernahme nur zum Vorteil seiner Artgenossen, der bösen Wölfe. Eine Moralgeschichte, schon oft zur erbaulichen Warnung erzählt, ohne zu verhindern, dass sie sich „in menschlichen Gesellschaften immer wieder von neuem abspielt“. Wie ja jetzt gerade in unserem Zeitalter wieder zu besichtigen sei: Trump, Brexit, AfD – die „bösen Wölfe“ jagen den erstarrten Kaninchen überall Angst und Schrecken ein. So weit, so gut – und bekannt.

          Ameisen sind keine Heuchler

          Aber Atwood, die ja unter anderem auch deswegen zur diesjährigen Trägerin des Friedenspreises gekürt wurde, weil sie ein großes Herz für Tiere und ihre menschengerechte Behandlung hat, bereut gleich demütig, auf wessen Kosten ihre Moral hier geht: Die Wölfe, diese schönen, klugen, unschuldigen Tiere, so bedauert sie, wurden von ihr schändlich diskriminiert, und dafür will sie sich – Hans Magnus Enzensberger grüßt mit seinem 1957 erschienenen Langgedicht „Verteidigung der Wölfe“ aus der Ferne – aufrichtig bei ihnen entschuldigen. „Euren Namen, liebe Wölfe, habe ich nur als Metapher benutzt. Bitte fallt in den sozialen Netzwerken nicht über mich her.“ Die Entscheidung, die sie beim Schreiben der Rede getroffen habe, war „leichtfertig“, so bekennt Atwood reumütig und bekommt für ihr ausgleichendes Gerechtigkeitsverständnis hüstelnde Lacher und behaglichen Applaus.

          Eva Menasse hält die Laudatio auf Margaret Atwood in der Paulskirche
          Eva Menasse hält die Laudatio auf Margaret Atwood in der Paulskirche : Bild: Wonge Bergmann

          Gemütlich gelächelt wird überhaupt oft bei ihrer luftleichten, ahnungsvollen Rede. Man erfährt Persönliches, – dass sie mit sieben Jahren einen Roman über abenteuerlustige Ameisen abgebrochen hat und danach erst Malerin oder Modedesignerin, dann Botanikerin werden wollte – und Politisches, etwa, dass der Boden in diesem „seltsamen historischen Augenblick“ unter uns wankt, dass Klimawandel, ökonomisches Ungleichgewicht oder Technologierevolution dafür verantwortlich seien und nur Geschichten uns helfen könnten. Allerdings auch nicht alle, denn: „Geschichten haben es in sich. Sie können das Denken und Fühlen der Menschen verändern – zum Besseren oder zum Schlechteren.“ Noch ein inniges Bekenntnis zu den Märchen der Brüder Grimm, ein selbstbewusster Verweis auf die Aktualität ihres alten Erfolgsbuches „Der Report der Magd“, und schon ist dieser Buchpreisvormittag wieder zu Ende. Seine wichtigsten Botschaften: „Ameisen sind keine Heuchler“ und: „Sterben die Meere, dann sterben auch wir.“

          Margaret Atwood, mit der die Jury meint, „eine der bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit“ auszuzeichnen, gab am Ende an, sie schreibe, um ihr „tollpatschiges Staunen“ über die Welt zu verarbeiten. Und um „den Stimmlosen eine Stimme zu geben“. Und um zu ergründen, „warum Menschen tun, was sie tun“. Sanft und unverfänglich wurden in ihrer Rede allerlei Gedanken angestupst – ein wirkliches Plädoyer, gar eine Konfrontation, eine Auseinandersetzung mit dem Preisthema „Frieden“ gab es nicht. Keine besonderen Vorkommnisse also. Um zwölf Uhr mittags verließ man die Paulskirche mit reinem Gewissen. Und fühlte sich frei von Harm und Gedankenschwere.

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