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Friedenspreisträgerin Atwood : „Wir wissen nicht mehr, wer wir sind“

  • Aktualisiert am

Margaret Atwood in der Paulskirche Bild: Reuters

In der Frankfurter Paulskirche hat Margaret Atwood den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. In ihrer Preisrede klagt sie die politische Situation in den Vereinigten Staaten an.

          Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood hat am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche den renommierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegengenommen. In ihrer Dankesrede wies die Autorin darauf hin, dass wir „in seltsam historischen“ Zeiten lebten. „Wir wissen nicht genau, wo wir sind. Wir wissen auch nicht mehr genau, wer wir sind“, sagte die 77-Jährige insbesondere unter Verweis auf die politische Situation in den Vereinigten Staaten.

          Jahrzehntelang hätten die Vereinigten Staaten im Kalten Krieg trotz aller Mängel als Symbol für Freiheit und Demokratie gegolten. Das sei vorbei. Jetzt sei plötzlich nach mehr als 30 Jahren auch wieder ihr Roman „Der Report der Magd“ aktuell geworden. Von Männern kontrollierte Parlamente setzten sich zum Ziel, die Uhren zurückzudrehen - „am liebsten ins 19. Jahrhundert“.

          Gespür und Hellhörigkeit

          Atwood hat in dem 1985 erschienenen Roman eine totalitäre Gesellschaft beschrieben. In den Vereinigten Staaten kommt eine christlich-fundamentalistische Gruppe mit Gewalt an die Macht. Frauen werden wie Gebärmaschinen behandelt, benutzt und unterdrückt. Eine auf dem Roman basierende Fernsehserie hat in den Vereinigten Staaten in diesem Jahr mehrere Emmys bekommen.

          In ihrer sehr literarischen Rede wies Atwood darauf hin, dass sie in ihren oft düsteren Romanen selbst stark von Grimms Märchen beeinflusst worden sei. Nicht umsonst habe „Der Report der Magd“ auf dem Buchumschlag der amerikanischen Ausgabe zwei an Rotkäppchen erinnernde Frauen gezeigt.

          Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, überreicht Margaret Atwood den Friedenspreis

          Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat Atwood für „Humanität, Gerechtigkeitsstreben und Toleranz“ in ihrem umfangreichen Schaffen geehrt. In ihren zahlreichen Romanen und Sachbüchern habe Atwood immer wieder politisches Gespür und Hellhörigkeit für gefährliche unterschwellige Entwicklungen und Strömungen gezeigt, begründete der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die Vergabe.

          „Mahnerin für Frieden und Freiheit“

          Die Auszeichnung, die seit 1950 vergeben wird, ist mit 25.000 Euro dotiert und wird zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse vergeben. Atwood ist erst die zehnte Frau, die den Preis erhält. Vergangenes Jahr war die deutsche Publizistin Carolin Emcke geehrt worden.

          Als Laudatorin nannte die aus Österreich stammende Berliner Autorin Eva Menasse Atwoods Erzählungen „realistisch, wahrhaftig, und immer ein wenig beispielhaft“. Ihr Werk zeige besonders gut, „wie Literatur sein muss, um auch eine politische Wirkung zu entfalten“.

          Börsenvereinsvorsteher Heinrich Riethmüller würdigte Atwood als „Mahnerin für Frieden und Freiheit“. Mit ihren Romanen öffne die Autorin uns die Augen dafür, „wie düster eine Welt aussehen kann, wenn wir unseren Verpflichtungen für ein friedliches Zusammenleben nicht nachkommen“.

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