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Friedenspreisträger Saul Friedländer : Was ist das eigentlich: jüdisch?

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Marilyn Monroe ist konvertiert. Ist sie dadurch jüdisch geworden?

Nun ja, in diesem berühmten und ja auch irgendwie drolligen Fall - sie konvertierte, um Arthur Miller zu heiraten - hat das wohl nicht so viel zu bedeuten gehabt.

Sie nennen Jüdischsein eine persönliche Entscheidung: in den dreißiger und vierziger Jahren war es das nicht.

Natürlich nicht. Nur in einer normalen Welt kann man sich seine Identität frei wählen. Insofern hat Sartre doch recht - in einer Periode von stark erhöhtem Antisemitismus werden Juden von außen dazu gemacht.

Was ist die Wurzel von Antisemitismus?

Hier kommt man auch mit dem besten Willen der Welt am Thema Religion nicht vorbei. Es gab zwar Antijudaismus schon im Altertum, vor dem Aufkommen der Christenheit, aber das war etwas anderes. Wer damals antijüdisch war, war gegen eine Gemeinschaft, die abgeschottet vom Rest der Welt einer monotheistischen Religion anhing. Als das Christentum aufkam, das schließlich, wie ein Freund von mir einmal ironisch bemerkte, ein jüdischer Irrglaube ist - sie hielten Christus für Gott -, waren zu Beginn alle jüdisch, die Apostel, Maria, Jesus gehörten nach neuestem Wissensstand wahrscheinlich zur Sekte der Essener. Dann adaptierte Paulus die neue Religion für ein breiteres Publikum und machte sie dabei zu einer eigenen Religion, und fortan konkurrierten die beiden Religionen miteinander. Andere Aspekte sind wirtschaftliche Konkurrenz, soziale Mobilität, Hitlers Wahnvorstellung, die Juden wollten die Weltherrschaft - aber man darf die religiöse Komponente nicht vergessen.

Sie haben oft darauf hingewiesen, dass der Holocaust eng an die Person Adolf Hitler geknüpft ist. Halten Sie ein vergleichbares Verbrechen noch einmal für möglich?

Nicht in der modernen westlichen Welt. Die Existenz des Holocaust in der Vergangenheit ist genügend in das Bewusstsein eingedrungen, dass die Menschen achtsam sind. Es hat auch nach 1945 Massaker gegeben, Genozide, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass in der modernen westlichen Welt je wieder eine Partei mächtig und unabhängig genug ist, totalitäre und ausschließende Politik zu betreiben und dann womöglich eine Minderheit - seien es Juden oder andere - umzubringen. Aber wenn Sie Iran angucken, der einem hier natürlich als Erstes in den Sinn kommt, sehen Sie, dass dort zumindest die Idee vom Genozid, ja sogar die Absichtserklärung eines solchen nicht verboten ist. Und das kommt von ganz oben. Aber Iran ist nicht vergleichbar mit dem Deutschland der dreißiger Jahre.

Sind Sie religiös?

Nein.

Ist Religion die Wurzel alles Bösen?

Diese Meinung ist gerade sehr modisch. Es erscheinen viele Bücher mit dieser These. Aber Religion hat auch ihr Gutes. Bei mir war es so - nachdem ich mich in jungen Jahren vom Katholizismus abgewendet hatte, war ich nie wieder religiös, in keiner Religion. Ich bin restloser Agnostiker. Trotzdem weiß ich, dass Religion auch eine starke Kraft für das Gute sein kann. Aber Tatsache ist, dass alle fanatischen, gefährlichen Bewegungen unserer Zeit von ultrareligiösen Fundamentalisten ausgehen - und das schließt Juden nicht aus; die Siedler in der Westbank gehören für mich zur gefährlichen Kategorie. Vom Islam, von fundamentalistischen Protestanten in den Vereinigten Staaten und sonst wo auf der Welt, von der orthodoxen Kirche in Russland gar nicht zu reden. Wenn man sich die Welt heute ansieht, sind es nicht mehr die säkularen Ideologien - Kommunismus, Nationalismus, Faschismus -, die größte Gefahr geht von religiösen Fundamentalisten aus.

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