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Friedenspreis für Amartya Sen : Anschreiben gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt

  • Aktualisiert am

Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2020: Amartya Sen Bild: dpa

In seiner Laudatio auf Amartya Sen hob Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dessen Bedeutung für eine globale Gerechtigkeit in Zeiten von Pandemie und Klimakrise hervor. Es war eine Preisverleihung wie keine zuvor.

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          Der indische Wirtschaftswissenschaftler und Philosophen Amartya Sen ist am Sonntag in Frankfurt am Main mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Die Laudatio bei der im ARD-Fernsehen übertragenen Feier in der Paulskirche wollte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier halten. Seine Rede wurde aber von dem Schauspieler Burghart Klaußner verlesen, da sich das Staatsoberhaupt wegen der Corona-Infektion eines seiner Personenschützer am Samstag in Quarantäne begeben musste. Der Preisträger war zu der Veranstaltung, die wegen der Corona-Pandemie weitgehend ohne Publikum ablief, per Video zugeschaltet.

          In seiner Rede hob der Bundespräsident hervor, Amartya Sen sei „wie kein anderer verbunden mit der Idee der globalen Gerechtigkeit“. Er sei zwar „durch und durch Akademiker“, aber sein Werk bleibe nicht akademisch. Er wolle verstanden werden, und er wolle die Welt nicht nur begreifen, er wolle sie verändern. „Amartya Sen hat sie verändert“, lobte Steinmeier. „Amartya Sen schreibt an gegen die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten dieser Welt.“ Die Suche nach dieser Gerechtigkeit dürfe gerade unter dem Druck der Corona-Pandemie keine Pause machen - es gebe dafür keinen besseren „Expeditionsleiter“ als Sen. Die Corona-Pandemie bezeichnete der Bundespräsident in seiner Laudatio als eine „Nagelprobe für internationale Solidarität und weltweite Kooperation in Forschung und Politik“. Nirgends zeige sich dies so deutlich wie bei der Frage nach einer gerechten weltweiten Verteilung eines Impfstoffs

          Unter Berufung auf Sen forderte Steinmeier „Regeln für die Globalisierung“. Wenn diese sich als ungerecht erwiesen, „müssen wir dann nicht die Regeln ändern?“, fragte der Bundespräsident. Die Demokratie müsse auf solche Fragen Antworten finden. Dazu zähle auch der Kampf gegen Diskriminierung und die „lebensbedrohliche Klimakrise“. Die Demokratie sei zugleich die bestmögliche Staatsform, die erforderlichen Entscheidungen herbeizuführen und gegebenenfalls zu korrigieren. „Stellen wir uns dieser Verantwortung!“, verlangte der Bundespräsident.

          Amartya Sen wurde 1933 in der indischen Region Westbengalen geboren. Er forscht seit Jahrzehnten an weltweit führenden Hochschulen über die Folgen der Globalisierung und die Ursachen von Armut und Hunger. Seine Überlegungen liegen dem von den Vereinten Nationen verwendeten Index der menschlichen Entwicklung (Human Development Index) zugrunde. Für seine Theorien zur Wohlfahrtsökonomik in Entwicklungsländern erhielt er 1998 den Wirtschaftsnobelpreis.

          Wegen der besonderen Bedingungen im Corona-Jahr konnte die Urkunde für Amartya Sen nicht persönlich übergeben werden.
          Wegen der besonderen Bedingungen im Corona-Jahr konnte die Urkunde für Amartya Sen nicht persönlich übergeben werden. : Bild: dpa

          Amartya Sen sei der passende Preisträger im Corona-Jahr, sagte die Vorsteherin des Börsenvereins, Karin Schmidt-Friderichs. „Denn was Sen über Identität und Gerechtigkeit schreibt, schien und scheint mir ein geeignetes Fundament zu sein für den Aufbau einer besseren Welt nach Corona“. Sen habe sich „als Vordenker seit Jahrzehnten mit Fragen der globalen Gerechtigkeit auseinandergesetzt“, heißt es in der Begründung des Stiftungsrats zur Auszeichnung. Seine Arbeiten seien heute so relevant wie nie zuvor.

          Der in Boston lebende Preisträger Sen beklagte in seiner Dankesrede repressive Tendenzen in vielen Staaten Asiens, Europas, Lateinamerikas und in den Vereinigten Staaten. Dabei konzentrierte er sich auf die politischen Verhältnisse in seinem Heimatland Indien. Von der Regierungslinie abweichende Meinungen würden dort als „Aufwiegelung“ angesehen. „Missliebige Menschen können einseitig zu Terroristen erklärt und ohne Gerichtsverfahren ins Gefängnis geworfen werden“, klagte Sen. Vorbeugehaft sei unter der hindu-nationalistischen Regierung üblich wie einst während der britischen Kolonialherrschaft.

          Autoritarismus als weltweite Pandemie

          Muslime würden in Indien systematisch unterdrückt und von Hindu-Nationalisten „wie Ausländer“ behandelt, kritisierte Sen, der selbst Hindu ist. Auch die heute als Dalits bezeichnete einstige „Kaste der Unberührbaren“ werde trotz formaler Antidiskriminierungsmaßnahmen weiter unterdrückt.

          Weltweit erschwere soziale Spaltung den gesellschaftlichen Fortschritt, klagte der international renommierte Wirtschaftsphilosoph. Dabei erwähnte er namentlich Polen und Brasilien wegen ihrer homophoben Regierungen, die Philippinen wegen ihrer repressiven Drogenpolitik und die Vereinigten Staaten angesichts der noch immer „zementierten Ungleichheit“ von Schwarzen und Weißen. Staatlicher „Autoritarismus“ sei eine weltweite Pandemie, vergleichbar der Verbreitung des Coronavirus.

          Die Verleihung des Friedenspreises findet traditionell zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse statt. Die Auszeichnung wird seit 1950 vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert. Sie soll laut Statut eine Persönlichkeit auszeichnen, „die in hervorragendem Maße vornehmlich durch ihre Tätigkeit auf den Gebieten der Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen hat“. Zu den Trägern des Preises gehören der DDR-Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer, der Schriftsteller Martin Walser und der Philosoph Jürgen Habermas. Im vergangenen Jahr erhielt der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado den Preis.

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