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Friedenspreis an Jaron Lanier : Der Mensch als Schöpfung

Anwalt der humanen Differenz: Jaron Lanier in der Frankfurter Paulskirche Bild: AFP

In seiner Dankesrede für den Friedenspreis verteidigt Jaron Lanier das Humane gegen technologische Reduktionisten und zynische Datenverwerter. Die Botschaft ist deutlich: Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Daten.

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          Zum Schluss wird Jaron Lanier pathetisch. „Lasst uns die Schöpfung lieben“, ruft er der Festversammlung in der Frankfurter Paulskirche zu. Es klingt wie das Wort zum Sonntag: Ein Internet-Vordenker beschwört den Wert der Schöpfung. Nicht wie Terroristen und Diktatoren sie bedrohen, ist das Thema des Friedenspreisträgers, sondern wie Konzerne der Bewusstseinsindustrie die Schöpfung zerlegen, berechnen und programmieren – und mit ihr den Menschen. Wer sich in der digitalen Welt bewegt, hinterlässt einen täglich wachsenden Datensatz. Für Unternehmen wie Google, Facebook oder Amazon wird das Individuum dadurch immer berechenbarer, so dass sie zu wissen glauben, was jeder von uns als Nächstes tun und lassen will und soll. Das ist das Ende der Freiheit; es tut nicht einmal weh, weil jeder einzelne Schritt der digitalen Verwandlung als zwingend und nützlich daherkommt. Wir bezahlen dafür allerdings mit allem, was unser Leben bislang ausmacht.

          Lanier hat diese Entwicklung seit langem kommen sehen. Vor einem Jahrzehnt wurde er häufig gebeten, an Benefizkonzerten zugunsten namhafter Künstler teilzunehmen, die kein Auskommen mehr hatten, weil Musik im Internet als kostenloser Zeitvertreib ausgegeben wurde. Geistige Arbeit, Patente, Kultur? Nichts mehr wert, sofort verfügbar, gratis. Zuerst traf es die Musiker, dann die Journalisten. Weitere Gewerbe werden folgen – und mit ihnen die Mittelschicht. Hier Milliardäre, die Geld, Macht und Daten horten, dort Bettler, so sieht die digitale Gesellschaft aus, in der Konzerne den Staat ersetzen.

          Mit dieser Dystopie findet Lanier sich nicht ab. Er will den Datenkapitalismus auf die Spitze treiben: Die Konzerne sollen uns für unsere Daten bezahlen. Das wäre die Umwertung des Kosten-Nutzen-Modells, auf das sich Internetkonzerne mit der amerikanischen Regierung und den Geheimdiensten verständigt haben. Das Prinzip muss lauten: Wir bleiben Herren unserer selbst. Es ist Zeit, dass die Europäer, die von Silicon-Valley-Propheten gerne als Zukunftsverweigerer bezeichnet werden, aus der Defensive kommen. Sie haben die technische Entwicklung zwar verschlafen, doch sollten sie sich wenigstens gegen das Ende des humanistischen Menschenbildes stemmen. Es geht um das, wovon Lanier spricht: Um den Menschen, nicht als Summe seiner Daten und nicht als Diener der Maschinen, sondern als – Schöpfung.

          Michael Hanfeld
          (miha.), Feuilleton

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