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Friedensnobelpreis : Das ist mein guter Freund Liu Xiaobo

  • -Aktualisiert am

Ein eigenwillige, aber unkomplizierte Persönlichkeit: der inhaftierte Liu Xiaobo auf einem Plakat in Hongkong Bild: dpa

Der neue Friedensnobelpreisträger ist eigenwillig und mutig: Das macht ihn unter uns chinesischen Intellektuellen so wertvoll. Der chinesische Schriftsteller Bei Ling über seinen Freund und Mitstreiter Liu Xiaobo.

          5 Min.

          Dieser Artikel wurde ursprünglich schon Mitte Juni 1989 geschrieben. Ich war damals in New York und hatte gerade die Nachricht erhalten, dass Liu Xiaobo zu jenen gehörte, die in Peking nach dem Massaker vom 4. Juni 1989 verhaftet wurden. Der Liu Xiaobo in diesem Text ist mein ganz persönlicher Liu Xiaobo aus den achtziger Jahren. Damals waren wir im Vergleich zu heute alle jung und unbeschwert. Was ich damals schrieb, kommt mir jetzt etwas unbedarft vor. Ende 1993 ging ich nach Peking zurück, da war Liu Xiaobo schon wieder frei, und seither haben wir viel zusammengearbeitet, aber diesen Artikel habe ich ihm nie gezeigt.

          Im Jahr 2000 wurde ich verhaftet und deportiert. Im Exil gründete ich dann den unabhängigen chinesischen PEN-Club, mit Hilfe von Liu Xiaobo in Peking und Meng Lang in Boston. Nachdem Liu Xiaobo 2004 dessen Vorsitz übernahm, wurde die Rolle, die er in China spielte, immer wichtiger. Allerdings erlebten wir miteinander auch viele Meinungsverschiedenheiten und Enttäuschungen. Am Weihnachtstag 2009 wurde Liu Xiaobo wegen „versuchten Umsturzes“ zu elf Jahren Haft verurteilt. Ich vermisse ihn sehr und kann meine Gefühle kaum in Worte fassen. Wenn dieser Artikel doch noch erscheint, bekommt ihn hoffentlich wenigstens Xiaobos Frau Liu Xia zu lesen.

          Lius Gedankensprünge

          Ich versuche ihn mit möglichst neutralen Worten zu beschreiben, denn er ist allzu sehr ein Mensch aus Fleisch und Blut, ein Mann der Tat, der zugleich auch ganz intensiv ins Denken versinkt. Manche kommen ins Gefängnis und hinterlassen draußen vor allem ihre Taten und Meinungen, während ihr Aussehen und ihre Persönlichkeit immer verschwommener werden. Aber er, ein Mensch mit solch starken Meinungen, hinterlässt bei uns draußen vor allem seinen Charakter, seine Geschichten, seinen Geist und bei mir eine Art von schweigender Frustration, wenn ich mich an entspannte Momente erinnere und dann gar nicht mehr entspannt bin.

          Liu Xiaobo und seine Frau Liu Xia im Jahr 2002 in ihrer Pekinger Wohnung
          Liu Xiaobo und seine Frau Liu Xia im Jahr 2002 in ihrer Pekinger Wohnung : Bild: AFP

          Das ist mein Freund, mein guter Freund Liu Xiaobo. Er ist ein manischer Held, der den ganzen Tag im Zimmer auf und ab geht, mit der Zigarette im Mund, während er sich mit einer Hand unbewusst ein bisschen Schmutz vom Hemd bürstet, und mit einem sehr einfältigen Ausdruck im Gesicht, wenn er mich über die trivialsten Dinge in meinem Alltag ausfragt. Wenn man mit ihm zusammen ist, hat man keinen Frieden, man muss seinen Gedankensprüngen folgen; zuerst erklärt er Kant, dann springt er zu Camus und zitiert aus dem „Mythos des Sisyphus“: „Ich habe noch niemanden gesehen, der für die Ontologie starb.“ Er erzählte mir auch, dass er in Peking seiner Frau, seinem Sohn und den vier Wohnungswänden seine Lieblingsstellen aus den Werken europäischer Philosophen vortrage. Den Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez habe er ihnen schon dreimal vorgelesen, und er erzählte es so, dass man ihm einfach glauben musste. Man glaubt ihm sogar, dass er auch Schopenhauers „Welt als Wille und Vorstellung“ dreimal vollständig vorgetragen hat.

          Der „Liu-Xiaobo-Schock“

          1987 in Peking warf er mir vor, ich flitze den ganzen Tag wild mit dem Fahrrad herum, worauf ich zurückgab, er plappere den ganzen Tag wild auf dem Fahrrad herum. In der unruhigen Zeit des Frühlings 1988 hatte ich auf einmal die Idee, für Liu Xiaobo jemanden zu suchen, der es im „Plappern“ mit ihm aufnehmen könnte. Ich stellte ihn dem Dichter Duo Duo und einigen weiteren Freunden vor. Wir setzten uns, und gleich ging es los. Duo Duo stellte hauptsächlich die Fragen, ich bohrte auch ein bisschen nach, und Liu Xiaobo sprach über Gott und die Welt, über die Aufklärung und die 4.-Mai-Bewegung, von Kant sprang er zu Wang Guowei, dem Historiker und Literaturwissenschaftler am Beginn der chinesischen Moderne.

          Damals wurde in unserer Heimat sehr viel übersetzt und debattiert; wir gingen von engagierten westlichen Intellektuellen wie Camus, Sartre oder Hannah Arendt aus, und Liu Xiaobo analysierte für uns dazu gewisse Probleme in den Werken des zeitgenössischen chinesischen Philosophen Li Zehou und die gespaltene Persönlichkeit chinesischer Gelehrter unter diktatorischen Verhältnissen. Nach ein paar Stunden solcher Plauderei wurde uns unsere Wirklichkeit nur zu deutlich bewusst, und wir versanken alle in Trübsinn.

          Damals war Liu Xiaobo ein Geheimtipp, der mit seinen kritischen Theorien jedoch rasch die etablierte Literaturwissenschaft aufschreckte und mit seinem gründlichen Rüstzeug an klassischer westlicher Philosophie genauso schnell die Gelehrtenwelt aufmischte. Bald sprach man vom „Liu-Xiaobo-Schock“. An allen möglichen Bücherständen der Hauptstadt war sein Buch „Die Wahl der Kritik - Im Dialog mit Li Zehou“ dermaßen gefragt, dass man es nur für ein Vielfaches des ursprünglichen Preises bekam, und selbst dann musste man noch zwei Ladenhüter zwangsweise dazunehmen.

          Grausam enttäuschte Hoffnungen

          Es war im April 1989 in New York, da rief er mich an und sagte, er werde nach China zurückkehren, in zwei Tagen breche er auf. Um sich selbst jede Möglichkeit des Zögerns zu nehmen, hatte er einfach ein Ticket gekauft, das ihn auf einen Flug festlegte. Ich legte den Hörer auf und eilte sofort zu ihm. Als er die Tür aufmachte, sagte ich: „Xiaobo, ich bin stolz auf dich. Geh nur zuerst, ich komm bald nach.“ Alle Verwirrung der Tage zuvor war für ihn schon weggefegt. Er war sehr ruhig, auf eine bei ihm ganz seltene Art, er stockte und stotterte ein bisschen: „Bei Ling, wi-wir k-könn ... können jetzt nicht in New York sitzen bleiben, h-hab ... haben wir nicht unser ganzes Leben lang auf einen solchen Augenblick gewartet?“

          Damals saßen wir Tag und Nacht vor dem Fernseher. Wir sahen Tausende und Abertausende von jungen, heißblütigen Studenten auf die Straße gehen, um für eine bessere Zukunft unserer Republik zu demonstrieren. Sie meinten es ernst, sie waren so aufrichtig. Was taten wir noch in New York? Wir mussten zurück, das war unser Peking, wir mussten mit unseren Studenten zusammen sein.

          Liu Xiaobo ging zurück. Er war darauf gefasst, verhaftet zu werden, vielleicht sogar gleich bei der Ankunft am Flughafen, und machte sich auch keine Illusionen darüber, wie man im Gefängnis mit Gelehrten umging. Aber weder er noch ich waren darauf gefasst, dass die Soldaten im Auftrag der Regierung das Feuer auf die Studenten eröffnen, dass sie am 4. Juni 1989 mit Panzern und Lastwagen über die Leichen der Menschen fahren würden. Wer hatte sich schon so etwas Grausames vorstellen wollen?

          Eine eigenwillige Persönlichkeit

          Nach diesem 4. Juni, noch im selben Monat, verließ Liu Xiaobo in Peking die Wohnung des australischen Diplomaten und Romanciers Nicholas Jose in den Anlagen für Botschaftsangehörige an der Jianguomenwai-Straße. Er wollte sich nicht länger verstecken. Er hatte überlebt, aber diese Zeit des Sterbens und Tötens musste er mit seinen Studenten, mit seinen Pekingern zusammen verbringen. Er hatte sich nichts vorzuwerfen.

          Er ging auf die Straße und wurde verhaftet. Man könnte sagen, er legte mit seiner Handlungsweise Zeugnis ab für das, was er geschrieben hatte. Fünf Bücher waren zuvor von ihm erschienen, und er hatte viele Vorträge gehalten. Er redete dabei stockend und sprach doch wie ein Wasserfall, durchaus parteiisch, seine kämpferischen Worte ließen besonders gegenüber jenen, die er kritisierte, Gelassenheit und Objektivität vermissen. Er kümmerte sich nicht um Gesicht und Gefühl, es war ihm egal, was über ihn verbreitet wurde. Nach gewöhnlichem Maßstab war an ihm viel auszusetzen; seine eigenwillige Persönlichkeit machte ganz besonders deutlich, wie sehr es den Intellektuellen in China an Charakter fehlte. Er war ein sanfter Mensch und konnte doch keine faulen Kompromisse ertragen. Er trat für die Freiheit des Individuums ein und war doch im täglichen Leben sehr stark auf seine Freunde angewiesen.

          Der Weg ins Gefängnis

          Eigentlich war es leicht, mit ihm auszukommen. Er wusste genau, wie kompliziert die Menschen sind, und sehnte sich umso mehr nach Einfachheit. Er sagte die Wahrheit und schönte nichts an den Schwächen der Menschen. Seine Auffassung kam „den Dingen an sich“ sehr nahe, aber er gab sich nicht damit zufrieden. Je mehr man mit ihm vertraut war, desto stärker ließ er einen so etwas wie einen instinktiven Atem des Schicksals spüren.

          Liu Xiaobo ging ins Gefängnis. Und ich hatte Angst und vegetiere in Amerika weiter. Wir hatten ausgemacht, gemeinsam zurückzukehren, wir hatten sogar schon die Tickets, aber ich hatte gezögert ... Wir waren einmal Tag und Nacht zusammen gewesen, jetzt trennt uns ein gewaltiger Unterschied. Ich mache mir Vorwürfe und schäme mich meiner Feigheit.

          Es gibt keine Wahl mehr. Das Blut vieler junger Menschen, jene Seelen, jene eingekerkerten Menschen, und dann noch Xiaobo im Gefängnis - er wird mich verfolgen und auch das, was ich schreibe. Er wird mein Verhalten bestimmen.

          Das ist Peking, das ist die Stadt, in der ich aufwuchs, in der ich es manchmal schwer hatte. Die Menschen sind sehr direkt und doch freundlich. Peking, Peking und das Blut, die Pekinger und die Studenten, Liu Xiaobo, Zhou Tuo, Hou Dejian und so weiter. Alle, die verhaftet wurden, werden mich verfolgen und meine Träume heimsuchen.

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