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Friedensnobelpreis-Anwärter : Der chinesische Anti-Revolutionär

  • -Aktualisiert am

Seht her, mein Mann: Lui Xia ist die Frau von Lui Xiaobo Bild: REUTERS

Provozierende Freundlichkeit: Am Freitag wird der Friedensnobelpreis verliehen, und als heißer Favorit gilt der inhaftierte Autor Liu Xiaobo. Friedlichkeit ist ein großer Teil seiner Überzeugung.

          Spätestens seit dem Aufruf Václav Havels, den Friedensnobelpreis an Liu Xiaobo zu vergeben, ist der chinesische Autor einer der Favoriten für die am morgigen Freitag erfolgende Vergabe. Zum ersten Mal seit 1935, als Carl von Ossietzky den Preis erhielt, könnte damit ein Inhaftierter auf diese Weise geehrt werden. Das chinesische Außenministerium hat die mögliche Auszeichnung deshalb vorsorglich schon einmal als Affront gegen die Ideen Alfred Nobels bezeichnet, aber es ist wohl eher das Pekinger Leitbild von einer "harmonischen Gesellschaft", mit dem der "Radikale" und "Separatist", wie die Staatspresse Liu tituliert, kollidiert. Das Exempel, das die Regierung im vergangenen Dezember mit der Verurteilung des Mitverfassers der "Charta 08" zu elf Jahren Haft offenkundig statuieren wollte, könnte sich nun gegen sie wenden.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Doch auch die westliche Öffentlichkeit scheint sich kaum darüber klar zu sein, dass der Kandidat nicht allein ein Demokratie-Aktivist ist, sondern ein mit allen Wassern der Theorie und der Erfahrung gewaschener Propagandist des Friedens - und die Zielvorstellungen des Preises dabei präziser trifft, als es dieser Öffentlichkeit manchmal lieb ist. Meist wird übersehen, was für eine zentrale Rolle in Lius Schriften die Methode der Demokratisierung spielt - und mit ihr die Versöhnung innerhalb der chinesischen Gesellschaft. Die Verständigungsbereitschaft, die der Dissident etwa in der persönlichen Erklärung zu seinem Prozess zum Ausdruck brachte, ließ die erwarteten Frontstellungen so weit hinter sich, dass sie kaum zur Kenntnis genommen wurde. Die britische Tageszeitung "Guardian" kürzte die Übersetzung der Erklärung, die sie auf ihre Internetseite stellte, um eben diese irritierenden Passagen, auf die sie sich anscheinend keinen Reim machen konnte.

          Respekt gegenüber Wärtern

          Hass, so hatte Liu im nicht getilgten, also offenbar für den "Guardian" noch akzeptablen Teil des Textes geschrieben, vergifte den Geist einer Nation und behindere ihren Fortschritt zu Freiheit und Demokratie. Diese allgemeine Einsicht wendete er dann aber auf die eigene Situation an und demonstrierte so, dass er wirklich "keine Feinde" habe. Er rühmte seinen Zellenwärter Liu Zhen, der "aufrichtig, ehrlich, verantwortlich und gutherzig" sei, und er lobte die "ruhige und rationale Haltung" der Beamten der Sicherheitsbehörden, die ihn verhörten: "Die Überwachung, Verhaftung und Verfolgung, die sie vorgenommen haben, kann ich nicht akzeptieren, aber ich respektiere ihren Beruf und ihre Persönlichkeit." Die Haftbedingungen hätten sich in den letzten beiden Jahrzehnten, die er selbst aus eigener Erfahrung verfolgen konnte, stark verbessert, und aufs Ganze der Gesellschaft bezogen, konstatierte er eine schrittweise Abwendung vom Prinzip des Klassenkampfs und der damit einhergehenden "Psychologie des Hasses". Nicht zuletzt auf diese Entwicklung gründe sich sein Optimismus, dass aus China schließlich ein Land werde, in dem "die Menschenrechte das Höchste" sind.

          Man würde den Ton dieser Formulierungen von Liu, der so markant mit dem Zynismus des Urteils gegen ihn kontrastiert, verharmlosen, schriebe man ihn bloß einem taktischen Kalkül zu. In Wirklichkeit läuft Lius gesamter intellektueller Werdegang auf solche Sätze zu. Fünf Jahre nach den blutig niedergeschlagenen Studentendemonstrationen vom Tiananmen-Platz, zu deren prominentesten Unterstützern er zählte, hatte er sich programmatisch vom Begriff der "Revolution" abgewendet.

          „Feindschaft und Hass überwinden“

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