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Friedensnobelpreis 2014 : Zeichensetzung

Die Vergabe des Friedensnobelpreis an Malala Yousafzai hat ein zwiespältiges Echo hervorgerufen. Doch die Entscheidung war richtig: Dieses Mädchen steht für den Kampf gegen Hass und Intoleranz.

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          Richard Feynman wusste, wofür ihm 1965 der Nobelpreis für Physik zugesprochen wurde: für seinen Beitrag zur Quantenelektrodynamik. Doch verstand jemand, worin der genau bestand? Wohl eher nicht, nehmen wir Feynman beim überlieferten Wort. Die Quantenmechanik, soll er gesagt haben, verstehe schlicht niemand. Und ergänzte, dass man für drei Disziplinen den Nobelpreis gar nicht vergeben könne, weil sich in ihnen niemand wirklich auskenne: Wirtschaft, Literatur und Frieden.

          Den Statuten nach scheint die Angelegenheit beim Friedensnobelpreis zwar eindeutig: Der Preis geht „an denjenigen, der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt hat“. Deshalb bekam der amerikanische Präsident Barak Obama 2009 den Friedensnobelpreis. Wohl etwas verfrüht. 2012 zeichnete das Nobelkomitee die Europäische Union aus und in diesem Jahr Malala Yousafzai und Kailash Satyarthi – eine junge Muslima aus Pakistan und einen indischen Hindu, Kämpfer für Kinderrechte alle beide.

          Abermals mit dem Tod bedroht

          Das hat ein erstaunlich zwiespältiges Echo hervorgerufen. Malala Yousafzai ist erst siebzehn, sie wird von ihrem Vater abgeschirmt und gemanagt, als sei sie ein Politstar. Sie sagt Sätze wie: „Ein Kind, ein Lehrer, ein Stift und ein Buch können die Welt verändern.“ Das klingt manchen zu auswendig gelernt, zu plakativ, zu selbstverständlich. Bei uns ist es das vielleicht sogar. Im Norden Pakistans, im Swat-Tal, aus dem Malala Yousafzai stammt, ist es das nicht. Dort ist es gefährlich und revolutionär, ein Angriff auf die bestehenden Machtverhältnisse.

          Deshalb haben die Taliban dem jungen Mädchen, das in einem Online-Tagebuch bei der BBC von Gewalttaten der Extremisten und insbesondere von deren Angriffen auf Schüler und Schulen berichtete, in den Kopf geschossen. Das war im Oktober 2012. Jetzt, kaum dass die Nobelpreisvergabe bekannt war, wird Malala Yousafzai abermals mit dem Tod bedroht.

          Der Preisträger Obama

          Oft genug konnte man die Zeichensetzung des Nobelkomitees fragwürdig finden. Obama wurde als potentieller Friedenspräsident geehrt, hat aber weder Guantánamo geschlossen, noch den Militäretat gekürzt. Die EU weiß nicht, wie sie mit der Ukraine-Krise umgehen soll. Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen, Nobelpreisträgerin des vergangenen Jahres, hat zum Abbau chemischer Waffen in Syrien beigetragen, doch der Krieg dort tobt weiter. Die Hoffnungen, die sich mit der Preisvergabe verbinden, scheinen zerstoben.

          Wer so aber über den Preis für Malala Yousafzai denkt, gibt den entscheidenden Kampf unserer Zeit verloren – gegen Intoleranz und Hass; gegen einen Faschismus, der sich als Religion tarnt; gegen die Vernichtung Andersdenkender und Andersgläubiger. Mit Büchern und Stiften und Lehrern fangen die Hassprediger des Dschihad nämlich an, in Pakistan, in Afghanistan, wo in den vergangenen Jahren unzählige Koranschulen entstanden sind, in denen eine radikale Version des Islams gelehrt wird. Nichts fürchten diese Lehrer mehr als die Gedankenfreiheit. Für sie steht Malala Yousafzai ein.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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