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Kritik an Schülerprotesten : Für welche Zukunft lernen?

Schüler in Barcelona am 15. März 2019 während der weltweit stattfindenden Klimaproteste Bild: EPA

Mit paukerhaft positivistischer Mäkelei machen Erwachsene den „Fridays for Future“-Aktivisten die Vision einer besseren Klima-Zeit mies. So hat man noch jede Revolution im Keim ersticken wollen.

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          Es sind die ewigen In-die-Suppe-Spucker, die notorischen Luft-Rauslasser, welche jetzt meinen, der zukunftsbeseelten Schülerschaft von „fridays for future“ das Vorbewusste des Kommenden, das Noch-Nicht einer besseren Klima-Zeit miesmachen zu sollen. Neulich der Lehrer auf NDR 2, der sich daran machte, den Traum eines neuen Himmels und einer neuen Erde, wie er sich in Greta Thunbergs (16) demnächst erscheinenden Buch als Szenerie des Herzens beschrieben findet – diesen Traum zum Platzen zu bringen, und zwar mit folgender paukerhaft positivistischen Mäkelei: a) man habe an seiner Schule mittlerweile die Mülltrennung abgeschafft, weil die Schüler es nicht hinkriegten; b) im Winter stünden die Türen aller Kursräume offen, man heize dann bloß den Schulhof; und c) für Studienfahrten kämen für die Jugendlichen eigentlich nur noch Ziele mit Flugzeug in Frage.

          In die Bedeutungslosigkeit abdrängen

          So hat man noch jede Revolution abbremsen, im Keime ersticken wollen, bevor sie an Fahrt aufnahm und die ersten Köpfe rollen konnten – mit dem Hinweis, gefälligst erst einmal vor der eigenen Haustüre zu kehren, bevor es an die Rettung der Welt geht. Von hier aus, von dem Vorwurf der doppelten Moral, ist es nur ein Hüpfer zu der Warnung vor einem neuen Marsch durch die Institutionen, wie ihn der Soziologe Helmut Schelsky unter der Überschrift „Unreife als Lebensprinzip“ in den siebziger Jahren als Reiseroute des strukturellen Revoluzzertum mustergültig beschrieben hatte: „erst systemfeindlicher oder ideologisch radikaler Jugendprotest, dann Vergabe von Bundestagsmandaten, Staatssekretärsstellen usw. durch die derart eingeschüchterte Erwachsenenpartei“.

          Eingeschüchterte Mandatsträger wie Peter Altmaier mauern denn auch, fürchten bei aller vorgespielten Sympathie erkennbar das hämmernde „Ich will da rein!“ der jugendlichen Klima-Demonstranten, deren glänzende Augen bei den Worten „Bundestagsmandat“ oder „Staatssekretärsstelle“ sie sich ausmalen. Durchsichtig daher auch das politische Manöver, die Freitagsdemos für die Zukunft vom Schulvormittag in die Nachmittage, in die Freizeit, also in die Bedeutungslosigkeit abdrängen zu wollen, dorthin, wo es den Regelbruch („Schwänzen“) nicht mehr gibt, der das Drama der Erde doch überhaupt erst inszenierbar macht.

          Die Schulleiterin Dorothea Blume vom Domgymnasium in Verden an der Aller ist denn auch aus „Sympathie“ mit der Freitagsbewegung dafür, nicht mitgeschriebene Klassenarbeiten und Tests rigoros mit einer Sechs zu benoten. Denn ziviler Ungehorsam funktioniere nun einmal nur, wenn etwas nicht erlaubt sei, wie sie dem „Weser-Kurier“ den springenden Punkt erklärt. Die Frage ist: Reicht die Zukunft, so blank und bloß, wie sie von „fridays for future“ beschworen wird, als Superargument aus, um die sprungbereiten Juristen der Schulpflicht in Schach zu halten? Werden sie sich von der futuristischen Legitimationsfigur die Augen öffnen lassen, die der Kieler Gymnasiast Jakob Blasel gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ in Anschlag bringt: „Wofür sollen wir lernen, wenn es für uns gar keine Zukunft gibt?“

          Christian Geyer-Hindemith
          (gey), Feuilleton

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