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Freundschaft mit einem Präsidenten : Was Barack mir so schreibt

  • -Aktualisiert am

Erwartungsvoller Freund: Barack Obama Bild: AFP

Der amerikanische Präsident ist eine treue Seele. Wer einmal auf seiner E-Mail-Liste ist, erhält laufend Post. Doch wieso fragt Obama immer nach Geld?

          7 Min.

          Vor zwei Tagen meldete sich wieder einmal Barack Obama bei mir und hinterließ eine Nachricht in meiner Mailbox. Anders als der deutsche Präsident rief der amerikanische nicht plötzlich an, und es ging ihm auch nicht um irgendeinen Artikel über sein Weißes Haus, der nicht gedruckt werden sollte. Er schrieb mir einfach eine E-Mail und fragte, ob ich seiner Frau zum Geburtstag gratulieren möchte.

          Ich bin Barack Obama zum ersten Mal begegnet, als er vor vier Jahren in Berlin vor der Siegessäule sprach. Damals war er nur Kandidat, und obwohl keiner der zweihunderttausend Menschen, die mit mir auf ihn warteten, ihn zum Präsidenten wählen konnte, denn wir waren ja keine Amerikaner, fühlten wir uns alle doch sehr angesprochen. Ich sehe mich noch rechts neben dieser Bühne stehen, ein Hubschrauber kreiste in der Luft, ein leichter Wind kam auf, als Barack Obama auf einmal wie aus dem Nichts erschien. Er ging ein paar Schritte auf das Pult zu, groß, schlank, alterslos, und dann hielt er keine Rede sondern erzählte eine Geschichte. Sie handelte davon, dass wir alle verschieden seien und das auch bleiben sollten, aber dass es Dinge gebe, die uns alle angingen und die wir nur gemeinsam lösen könnten. „This is our moment“, sagte er, und wir riefen „Yes, we can.“

          Später schrieb ich einen kleinen Text darüber, dass wir alle nach der Rede das Gefühl gehabt hätten, über Wasser gehen zu können, und dass einige von uns gleich in der Spree damit anfangen wollten. Es sollte ironisch gemeint sein, aber als ich es jetzt noch einmal las, klang es überhaupt nicht danach.

          Eine schmeichelhafte Bitte

          Ich habe nie herausgefunden, ob es an diesem Text lag, dass ich wenige Tage später eine „special invitation“ in ein Camp bekam, in dem ich zwei Tage lang für den kommenden Wahlkampf trainiert werden sollte. Leute wie ich, hieß es, hätten die Kampagne erst so weit gebracht. Nun sollte ich Taktiken lernen, um weitere Freiwillige zu finden, die dann mit mir zusammen in den umkämpften Staaten eingesetzt würden. Abgesehen davon, dass ich zu dieser Zeit beruflich stark eingespannt war und allein des Jetlags wegen eine zweitägige Reise nach Amerika sinnlos fand, hielt ich das Ganze für ein Versehen. Ich hatte dem Team von Barack Obama meine E-Mail-Adresse lediglich angegeben, um mich für die Rede zu akkreditieren, und nicht damit gerechnet, noch einmal von ihm zu hören. Also beantwortete ich die Einladung nicht und dachte, damit habe sich die Sache erledigt.

          Umso überraschter war ich, als sich wenig später Barack Obama persönlich bei mir meldete und mich einigermaßen unumwunden um eine Spende bat. Der Wahlkampf sei in die entscheidende und leider auch schmutzige Phase eingetreten, schrieb er, gerade habe ihn John McCain, sein republikanischer Widersacher, mit Paris Hilton und Britney Spears verglichen, und ich sollte den Republikanern mit meiner Spende beweisen, dass es einen Preis habe, solche Gerüchte in die Welt zu setzen.

          Es war die erste Mail, in der mich Barack Obama offen um Geld anhaute, und selbst wenn ich inzwischen weiß, dass andere Präsidenten sich fünfhunderttausend Euro geben lassen, fragte ich mich doch, wie es um seine Kampagne bestellt sein musste, wenn es dabei auf meine fünf Dollar ankam. Aber das sagte ich ihm nicht, denn natürlich war ich geschmeichelt.

          So eingespannt, wie er ist

          Ich hatte bislang noch nie mit dem Präsidenten einer Supermacht in brieflichem Kontakt gestanden. In dem Land, in dem ich aufgewachsen bin, diktierten die Präsidenten der zuständigen Supermacht ihre Nachrichten aus ihrem Politbüro direkt in die Zeitungen hinein und oder überließen das gleich ihren Generalsekretären. Auch als sich die Zeiten änderten, die damals ebenfalls versprochene Transparenz nannte sich noch Glasnost, war es schlichtweg undenkbar, dass mich Michail Gorbatschow persönlich anschrieb, um mir vom Fortgang der Reformen zu berichten. Folglich war ich etwas ungeübt, was das Antworten auf solche Nachrichten anging. Der einzige Brief, den ich bis dahin an einen Präsidenten geschrieben hatte, ging nach Südafrika, kam ganz ohne Anrede aus und enthielt lediglich den Satz, den auch alle meine Klassenkameraden in ihre Briefe schrieben: „Freedom for Nelson Mandela!“

          Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich kein Geld überwiesen hatte oder dass er viel beschäftigt war, jedenfalls hörte ich in den nächsten drei Monaten nichts mehr von Barack Obama. Die Verbindung schien abgerissen zu sein, und natürlich habe ich in dieser Zeit überlegt, ob ich ihn und seine Familie nicht wenigstens zu einem Kurzurlaub auf den Bauernhof meiner Eltern einladen sollte, auf dem meine Mutter inzwischen eine kleine Pension betreibt, einfach, um dem vom Amt gestressten Mann ein paar Tage Ruhe zu gönnen. Angesichts der aktuellen Berichterstattung bin ich natürlich froh, das nicht angeboten zu haben. Es wäre mir peinlich gewesen, die Obamas um die fünfzehn Euro zu bitten, die das Zimmer bei uns pro Nacht kostet, was, wie es heute aussieht, ihm sicherlich ein unangenehmes Fernsehinterview mit Bettina Schausten und meiner Mutter die Weltpresse in unserem Vorgarten erspart hat.

          Immer etwas zu tun

          Die nächste Mail von Barack Obama bekam ich erst, als er die Wahlen gewonnen hatte. „Marcus“, schrieb er, „ich mache mich gleich auf dem Weg nach Grant Park, um zu denen zu sprechen, die sich dort versammelt haben, aber ich wollte dir zuerst schreiben. Wir haben gerade Geschichte geschrieben.“ Während ich mich wunderte, dass Barack Obama überhaupt noch wusste, wer ich bin, schien er sich genau daran erinnern zu können, wie ich an Türen geklopft, Geld gespendet und mit meinen Freunden darüber gesprochen habe, dass es Zeit für einen Wandel sei. Nun war ich als Ostdeutscher seit dem Mauerfall in gewisser Weise schon daran gewöhnt, Geschichte geschrieben zu habe. Mein Beitrag hatte sich damals lediglich auf den Besuch einer einzigen Montagsdemonstration beschränkt, weshalb mir schon klar war, dass es immer etwas von Plakatmalerei hat, wenn Geschichte geschrieben wird. Selten aber fand ich ein Lob derart unverdient wie das, bei der Wahl des ersten schwarzen Präsidenten von Amerika mitgeholfen zu haben, selbst wenn dieses Lob von ihm selbst kommt. Aber auch hier vermochte es Barack Obama, mich von meinem Zweifel zu befreien, und er tat das wieder in dieser schönen Schlichtheit, die mich schon in Berlin so für ihn eingenommen hatte. „All of this happened because of you. Thank you, Barack.“

          Es war für lange Zeit die letzte Mail, die er nur mit seinem Vornamen unterschrieb. In denen, die danach kamen, war er der Präsident der Vereinigten Staaten, und meistens ging es nun darum, dass ich etwas für ihn tun sollte. Als die Finanzkrise ausbrach, sollte ich ihm ein Video schicken, in dem ich erzähle, wie die Krise mein Leben beeinflusst, um mein Schicksal mit anderen zu teilen und so zu zeigen, dass auch ich seinen Rettungsplan unterstütze. Danach war es die Krankenversicherung, die ich unterstützen sollte, danach eine Richterin, die in den Supreme Court gewählt werden musste, danach musste die Wall Street reformiert oder republikanische Kongressabgeordnete mussten angeschrieben werden, dass sie das Konjunkturprogramm nicht blockieren dürfen.

          Immer war irgendetwas Neues, nie schien es ohne mich zu gehen, aber immer lag es in meinem Interesse, mich einzusetzen. Das erinnerte stark an das Land, in dem ich aufgewachsen war und in dem die Führung auch nichts ohne einen unternehmen konnte, jede Großdemonstration, jeder Fünfjahrplan, jede Solidaritätsaktion, immer musste man mit. Nun hatte ich zwar nichts dafür getan, dass Barack Obama Präsident wurde, also durfte ich nicht erwarten, dass er nun etwas für mich tat, dennoch hatte ich immer geglaubt, dass es sich in der Politik genau so verhält. Ein Gedanke, der mich heute, angesichts der Vorwürfe gegen den deutschen Präsidenten beschämt, wo doch auch ihm Freunde sogar hinter seinem Rücken Gutes taten, ohne dass sie je etwas davon gehabt haben wollen.

          Herzliche Einladung

          In den nächsten Monaten wurde meine E-Mail-Adresse dann offenbar im gesamten Team von Barack Obama weitergegeben. Ständig stellten sich mir neue Leute vor, mal war es Joe Biden, der Vizepräsident, mal der Kampagnenleiter, mal die Frau, die für die Kampagne die Finanzen verwaltet, und immer ging es um Geld. Inzwischen sollte ich nicht mehr wenigstens fünf Dollar spenden, drei schienen auch genug, „oder was immer Du erübrigen kannst“, wie Barack Obama schrieb, der sich nun plötzlich wieder nur unter seinem Vornamen meldete. Die Höhe der Spende sei nicht so wichtig, hieß es, wichtiger sei, dass möglichst viele Leute spenden, um so den Gegnern die Breite der Bewegung zu zeigen. Als ich nichts überwies, wurden die Aufrufe immer dringlicher. Einmal versprach Barack Obama, mich persönlich anzurufen, wenn ich spende, ein andermal meinte er, dass ich womöglich zu einem Essen mit ihm eingeladen werden würde, wenn ich Geld gebe.

          Die Sache mit dem Essen schien Barack Obama sehr am Herzen zu liegen. Ohne dass es je eine Information zu Termin oder Menue gegeben hätte, bin ich in dieser Angelegenheit mindestens zwanzig Mal von verschiedenen Leuten angeschrieben worden, zuletzt von Reggie Love, dem persönlicher Referenten des Präsidenten, der sich mir als der große Typ vorstellte, der Barack Obama überallhin folge. Als jemand, dessen Aufgabe es sei, dass der Präsident nicht zu spät komme, etwas zu Essen habe, wenn sie unterwegs seien und mit ihm Basketball spiele, wobei der Präsident meistens gewinnt, könne er sagen, dass so etwas wie ein Essen mit dem Präsidenten eigentlich nur Michelle und den Mädchen passiere, weshalb ich unbedingt spenden soll, um daran teilzunehmen. Kurz darauf schrieb mir seine Frau Michelle, dass vielleicht nicht jeder wisse, wie man sich auf ein solches Essen vorzubereiten habe, als jemand, der schon Hunderte Male mit Barack gegessen habe, wolle sie mir aber sagen - ich solle da ganz entspannt sein. Danach meldeten sich noch einmal sowohl der Präsident als auch der Vizepräsident bei mir, um zu fragen, was mich zurückhalte, so viele Chancen auf ein gemeinsames Essen gebe es nicht, und ich könne auch einen Freund mitbringen, Michelle würde auch kommen, die mir daraufhin noch einmal bestätigte, sie würde mich wirklich gern einmal kennenlernen.

          Schlechtes Gewissen

          Drei Monate zuvor hatte sich Michelle Obama zum ersten Mal bei mir gemeldet. Damals war es um Baracks fünfzigsten Geburtstag gegangen, es war eine sehr persönliche Nachricht, sie trug den Betreff „Graue Haare“. Sie seien durch schwierige Zeiten gegangen, ihr Mann und sie, schrieb Michelle, und wenn sie jetzt sehe, wie er jeden Tag Entscheidungen treffe, die jede amerikanische Familie beeinflussen, dann finde sie, er habe sich jedes seiner grauen Haare verdient. Zu seinem Geburtstag hätten sie und die Mädchen sich nun ein besonderes Geschenk ausgedacht. Wie sich herausstellte, bestand es in einer Geburtstagskarte, die ihm Leute wie ich schreiben sollten, wofür es praktischerweise bereits einen Vordruck gab, in den ich nur meinen Namen und meinen Wunsch eintragen musste. Beides, so wurde mir versichert, werde dem Präsidenten hinterbracht werden. Ein paar Monate darauf hatte Jill Biden, die Frau des Vizepräsidenten, zum Geburtstag ihres Mannes diesselbe besondere Geschenkidee.

          Als Barack Obama sich vor ein paar Tagen zum letzten Mal bei mir meldete, ging es ebenfalls um einen Geburtstag. Die Sache mit dem Essen schien sich erledigt zu haben, nachdem ich den letzten Termin für eine Spende verpasst hatte. In der entsprechende Mail hatte Barack Obama mich einfach nur noch mit „Hey“ angesprochen und gesagt, dass es diesmal wirklich darauf ankomme, die abschließenden Neujahrswünsche waren karg ausgefallen. Nun schlug er wieder einen versöhnlicheren Ton an. Wenn ich erst selbst einmal Präsident sei, werde ich mich daran gewöhnen müssen, dass die Leute mir Spitznamen geben. Seine Frau beispielsweise werde seit kurzem „Flotus“ genannt, was eine Abkürzung für „First Lady of the United States“ sei. Inzwischen seien Michelle und er seit zwanzig Jahren miteinander verheiratet und wenn sie nun am kommenden Dienstag achtundvierzig werde, würde auch sie sich über einen persönlichen Gruß von mir freuen. Natürlich habe ich daraufhin die Geburtstagskarte ausgefüllt, so wie ich das zuvor bereits für Barack Obama und Joe Biden getan hatte. Wenn man sonst schon nur sporadisch voneinander hört, sind Rituale eine wichtige Sache.

          Dennoch verspürte ich ein schlechtes Gewissen, als es in der letzten Woche auf einmal hieß, Barack Obama wolle in diesem Jahr wieder nach Berlin kommen. Letztlich war ich derjenige, der sich nie zurückgemeldet hat, doch nie schien der Präsident von mir enttäuscht zu sein. Vermutlich werde ich, wenn er dann durch die Stadt fährt, nur still in der Menge stehen und versuchen, nicht aufzufallen. Ich weiß, wir beide hatten uns mehr erwartet.

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